Die Deutsche Ton- und Steinzeugwerke A.-G.
Vom Kleinbetrieb zum Industrieverbund
Texte und Bilder von Holger Klein
Webseite: Bernd-Ingo Friedrich
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Werk Krauschwitz, Ober-Lausitz (Schlesien) 1909
1875 soll in Krauschwitz, an der Chaussee nach Keula, eine kleine Geschirrtöpferei namens „Scherhans & Co.“ gegründet worden sein; das ist zwar schriftlich überliefert, jedoch nicht aktenkundig.
Drei Jahre später kaufte der aus der Provinz Posen stammende Kaufmann Ludwig Rohrmann diesen Betrieb und nannte ihn „Ludwig Rohrmann, Krauschwitz/ bei Muskau“. In den Folgejahren nahm der Betrieb einen gewaltigen Aufschwung. Auf Grund der hier gefundenen speziellen Tone, die ideal zur Herstellung von chemischem Steinzeug waren, und der einsetzenden Industrialisierung in Deutschland wechselte das Unternehmen von der Herstellung von Zier- und Gebrauchskeramik zu technischen Erzeugnissen für die chemische und metallurgische Industrie über. Spezialität waren Kühlschlangen und komplette Anlagen zur Säureherstellung.

Belegschaft der Krauschwitzer Tonwarenfabrik „Ludwig Rohrmann“ um 1890.
Im Jahre 1898 wurde die Betriebsform der Firma „Ludwig Rohrmann“ geändert. Nach anfänglichen Rückschlägen ging Rohrmann eine Verbindung mit dem Dresdner Bankhaus Arnold ein und man gründete die „Krauschwitzer Thonwaarenfabrik, vormals Ludwig Rohrmann, Aktiengesellschaft bei Muskau O./L.“.
Nach Verhandlungen mit weiteren Partnern des Bankhauses erfolgte dann bereits 1902 der Zusammenschluss von 3 Konkurrenzbetrieben der Branche unter der Leitung von Nikolaus Jungeblut, dem aus Ostfriesland stammenden Schwager Max Kypkes, zur „Vereinigten Tonwarenwerke AG“:
- „Ernst March, Söhne [Charlottenburg, Berlin] – Zweigniederlassung Muskau, O.L.“
(in welchem 2 Jahre zuvor erst das Steinzeugwerk von Max Kypke, Muskau, aufgegangen war)
- „Krauschwitzer Thonwaarenfabrik, vormals Ludwig Rohrmann, A.G. bei Muskau“
- „Thonwaarenfabrik Dr. Dr. Plath, Staub und Piepmeyer, Kassel-Bettenhausen“
Zwei Jahre später wurde die Steinzeugröhrenfabrik in Münsterberg /Schlesien, die zu dieser Zeit der größte Steinzeugröhrenhersteller Europas war, als fünfter Betrieb mit ins Boot geholt. So gelang der Gesellschaft 1904 der Schritt zu einem starken Industrieverbund unter dem Namen „Deutsche Ton- und Steinzeugwerke Aktiengesellschaft“, kurz „DTS“ genannt. Ihre Produkte wurden bis nach Russland, China, Japan und Amerika geliefert. Sitz der Gesellschaft unter der Leitung von Nikolaus B. Jungeblut war Charlottenburg. In den Folgejahren wurden dem Unternehmen weitere Betriebe angegliedert und umfangreiche Beteiligungen in der Branche erworben. Dazu gehörte unter anderem der Kauf der "Freienwalder Chamottefabrik Henneberg & Co." und der "Bitterfelder Steinzeugröhrenfabrik Richter & Cie." Aber auch die Gründung eines Zweigbetriebes in der Nähe von New York wurde noch vor dem 1. Weltkrieg realisiert. Durch diesen Schritt sollten die erheblichen Transportverluste nach Amerika unterbunden und das Exportgeschäft ausgebaut werden.

Arbeiter mit einer Tonkühlschlange um 1910
Nach dem 1. Weltkrieg waren es dann zwei Unternehmen, die den deutschen, ja sogar mitteleuropäischen Steinzeugmarkt für die chemische Industrie beherrschten. Die „DTS AG“ und die „Deutsche Steinzeugwarenfabrik Mannheim-Friedrichsfeld“. 1922 kam es zwischen diesen zwei Unternehmungen zur Bildung einer Interessengemeinschaft mit dem Ziel, den ruinösen Wettbewerb zu beenden. In diesem Vertrag schlossen beide Gesellschaften unter Wahrung ihrer rechtlichen Selbständigkeit ihre Geschäftsinteressen zu einer engen wirtschaftlichen Einheit zusammen. Die jährlichen Betriebsergebnisse wurden zusammengelegt und zu gleichen Teilen unter den Vertragspartnern geteilt - eine für die damalige Zeit ungewöhnlich großzügige und weitschauende Lösung.
Nach dem 1. Weltkrieg gelang der DTS schnell die Umstellung von der Kriegs- auf die Friedensproduktion. Die umfassende Elektrifizierung des Landes schuf neue Absatzmärkte, insbesondere einen enormen Bedarf an Hochspannungsisolatoren. Deren Herstellung übernahmen die DTS in den 1920er Jahren. Die geforderten Höhen von bis zu 3,30 m konnten durch die Entwicklung von Spezialsteinzeugmassen in Lugknitz und später auch in Krauschwitz, erreicht werden. In Krauschwitz gab es aber noch ein weiteres Problem, das sich nachteilig vor allem auf den Versand der zum Teil enormen Mengen und Größen der Behälter (bis zu 6000 Liter Inhalt) und Isolatoren (bis 3 Meter Höhe) auswirkte: Der fehlende Eisenbahnanschluß. Die Artikel mussten mit dem Pferdefuhrwerk zum Versand an den Verladebahnhof Keula gebracht werden. 1925 löste man dieses Problem mit dem Bau eines eigenen Anschlussgleises.

Arbeiter an einem Säurebehälter um 1920
1934 war ein Strukturwandel in der DTS AG notwendig geworden. Der aufgeblähte Wasserkopf von Beteiligungen mit seinem riesigen Verwaltungsapparat wurde durch Ausgründungen beseitigt; Kommunikationsprobleme zwischen der Leitung und den Werken wurden durch Umzug des Verwaltungssitzes in die Provinz gelöst. Die Aktienmehrheit des Unternehmens war bereits zuvor an die Cremer-Gruppe gelangt, ein Familienunternehmen aus dem Kölner Raum, welches auch im Besitz des Mannheim-Friedrichsfelder Steinzeugwerkes war. Unter der Führung von Jacob Cremer und später dessen Sohn Gottfried Cremer wurde die DTS AG wieder zu einem gesunden Produktionsunternehmen. 1934 wurde der Sitz der Gesellschaft von Charlottenburg nach Krauschwitz verlegt und der Vorstand bezog das eigens dafür errichtete neue Verwaltungsgebäude.
Während des 2 Weltkrieges wurde die DTS AG als kriegswichtiger Betrieb eingestuft, da hier einheimische Rohstoffe Verwendung fanden und Steinzeugartikel für die chemische und metallurgische Industrie – Zulieferer für alle wichtigen Rüstungsbetriebe - hergestellt wurden. Auch das Schamottewerk in Bad Freienwalde war von enormer Wichtigkeit. Dort wurden Retorten und Brennkammern für Kriegsschiffe hergestellt.

Ein Arbeiter mit Isolatoren um 1930
Der Vorstand der DTS AG Heinrich Willach fungierte in den Kriegsjahren auch als Leiter des "Sonderrings Steinzeug im Hauptring Steine und Erden" beim Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion. Der Verwaltungssitz des Sonderrings Steinzeug befand sich im Verwaltungsgebäude in Krauschwitz. Allein diese Tatsache ließ 1945 kein Pardon der russischen Militäradministration erwarten. Noch im Sommer des Jahres begann man mit der völligen Demontage der technischen Ausrüstung des Werkes Krauschwitz. Das Werk Münsterberg fiel unter polnische Verwaltung, die Werke Lugknitz und Muskau brannten aus, Bad Freienwalde wurde ebenfalls demontiert. Allein das kleine Werk Kassel-Bettenhausen verblieb der DTS AG, die noch bis in die 70er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland weiter bestand, ohne jedoch die einstige Bedeutung wieder zu erlangen.
Gleich nach der Demontage im Werk Krauschwitz begann eine kleine Gruppe berufserfahrener Arbeiter unter primitivsten Bedingungen mit der Produktion von nach dem Krieg dringend benötigten Gegenständen: Töpfen, Krügen, Futternäpfen, Rohren. Der Betrieb wurde später Mitglied der „Vereinigung Volkseigener Betriebe [VVB] Steine und Erden“ und firmierte später unter „VEB STK [Steinzeugwerk Krauschwitz]“. Hauptsächlich wurden Rohre, Formstücke, Wannen, Großgefäße und Laborbecken hergestellt. Die Artikelpalette wurde in den 60er Jahren so umfangreich wie nie zuvor.

Erzeugnisse des "VEB Steinzeugwerk Krauschwitz" auf der Leipziger Messe um 1970
1969 vollzog sich der Beitritt zum „Kombinat Keramische Werke Hermsdorf“.
Durch die 1971 im Werk Krauschwitz aufgebaute Ferrite-Fertigung entstand ein völlig neues Produktionsprofil: Dauermagnete aus Hartferritwerkstoffen.
Bis 1989 verblieb der Betrieb mit ständig steigender Produktion innerhalb des Kombinates.
In den 80er Jahren hatten geringere Herstellungskosten und immer größer und moderner werdende Kunststofffabriken bereits im Westen Deutschlands zur Umstellung oder dem Niedergang der Steinzeugindustrie geführt. Auch im Steinzeugwerk Krauschwitz machte sich der Siegeszug der Kunststoffe und Edelstähle im Rohrleitungs- und Behälterbau bemerkbar, doch hielt man sich hier noch mit der Herstellung von Nischenprodukten über Wasser.
Die politische Wende leitete eine Zeit des Um- und Aufbruchs ein. 1990 kam es zur Gründung der „Steinzeugwerk GmbH“, später „Tridelta“; danach ging das Unternehmen an die Treuhandgesellschaft über und wurde stillgelegt. Am 14. Dezember 1993 übernahm der ehemalige Betriebsleiter Siegfried Böhme das Unternehmen als „Techkeram GmbH“ mit der Herstellung von Rohren und Formstücken für Abwassersysteme. Absatz- und Vertriebsmöglichkeiten sicherte die belgische Firma „Keramo Wieneberger“.
Trotz aller Bemühungen kam 2004 das endgültige Aus für das letzte noch produzierende Werk des einst so mächtigen Industrieverbundes.

Das 1934 errichtete Verwaltungsgebäude in Krauschwitz 1949/50
Mehr über Firmengeschichte und Produkte der Deutschen Ton- und Steinzeugwerke A.-G. können Sie im Handwerk- und Gewerbe Museum Sagar erfahren. Eine ausführliche Darstellung in Buchform befindet sich in Vorbereitung. Hinweise auf Informationen und Material bitte an Holger Klein, gravuren@erde.de.
(14.08.2008)
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