Zur Startseite

Die klugen Köpfe der DTS A.-G. (1)

Ludwig Rohrmann (1848-1909) Unternehmer und Erfinder

Texte und Bilder von Helga Heinze und Holger Klein
Webseite: Bernd-Ingo Friedrich

*****

*****

rohrmann villa krauschwitz

Die Rohrmann-Villa ("Das Schloß") in Krauschwitz


Das 1934 eingeweihte Verwaltungsgebäude des einstigen Steinzeugwerkes zeugt mit seinem prächtigen Portal noch heute von Zeiten einer erfolgreichen Keramikindustrie in Krauschwitz. Ihm gegenüber liegt die imposante Fabrikantenvilla, welche - 1899 im Stile des Historismus erbaut - wie ein kleines Schlösschen inmitten alter Bäume thront. Wer aber weiß etwas über deren einstigen Besitzer Ludwig Rohrmann, der hier ab 1877 mit unternehmerischem Scharfsinn und großem Engagement eine ganz spezielle Industrie aufbaute?

Ludwig Rohrmann wurde am 19. Februar 1848 als Sohn des Hauptmanns a.D. Johann Gottlieb Rohrmann und seiner Frau Elise, geborene Grosmann, auf dem Rittergut Chrastowo Kreis Schrimm, Provinz Posen (Polen) geboren. Neben seiner Ausbildung als Kaufmann und Bankfachmann in Leipzig, Breslau und Bremen, beschäftigte er sich bereits mit der Herstellung von Keramik.


rohrmann geburtsort chrzastowo

Ludwig Rohrmanns Geburtsort Chrzastowo (Schlesien)


Die stark wachsende chemische und Elektroindustrie in Europa, verbunden mit expandierendem Städtebau, verlangten nach säurefesten Steinzeugprodukten, wie großen Behältern, Kanalisationsrohren, ja ganzen Anlagen zur Säuregewinnung. Das veranlaßte Ludwig Rohrmann, nach einem geeigneten Objekt zu suchen und auf diesem zukunftsweisenden Markt tätig zu werden. In Krauschwitz wurde er fündig. Eine Geschirrtöpferei mit dazugehöriger Tongrube stand zum Verkauf. Der weitblickende Kaufmann erkannte in der einmaligen Zusammensetzung und Beschaffenheit des Tons den geeigneten Rohstoff für seine Zwecke – die industrielle Herstellung chemischer Steinzeugartikel und schuf so aus der kleinen Geschirrtöpferei ein Unternehmen mit Weltruf, die "Krauschwitzer Thonwaarenfabrik Ludwig Rohrmann".


rohrmann fabrik um 1885

Ansicht der Rohrmannschen Fabrik, um 1885


Für seine Fabrik suchte er sich einen Stamm zuverlässiger Arbeiter aus Krauschwitz und Umgebung. Für die arme Landbevölkerung eröffnete sich eine neue Möglichkeit „gutes Geld“ zu verdienen. Er schaffte für die Kinder und Enkel seiner Arbeiter nicht nur Ausbildungsplätze, sondern kümmerte sich auch um deren Bildung, indem er 1888 den Bau der ersten Gemeinde-Schule vorschlug und finanzierte. Sehr oft war das Ehepaar Rohrmann in Listen wohltätiger Spender zu finden. Ehrenamtlich arbeitete Rohrmann als Schiedsmann, Wahlvorsteher und Kreistags-Abgeordneter.

Mit seinen Produkten machte er Krauschwitz auf Messen im In- und Ausland bekannt und erhielt für sie unzählige Medaillen. Seine Spezialität waren Kühlschlangen aus Ton, die es - wie auch Rohre - vorher nur in England gab. Rohrmann war auch ein unermüdlicher Konstrukteur und erwarb viele Patente. Nach ihm und seinem Mitstreiter, dem Chemiker Georg Lunge, wurde eine Apparatur zur Herstellung von Säuren benannt – die „Lunge-Rohrmann-Plattentürme“.

Mit der Idee, Geigen aus Ton herzustellen, erregte er in der Fachwelt großes Interesse. Die wahrscheinlich einzige erhalten gebliebene von einst 25 Violinen befindet sich im Musikinstrumenten-Museum Markneukirchen. Gegen ihre hölzernen Konkurrenten konnten sie sich aufgrund gravierender Nachteile (hygroskopisch, zerbrechlich) jedoch nicht durchsetzen. Er war auch ein Pionier in der Entwicklung von Raketenkameras; mit seinem Patent konnte man Aufnahmen der Erde aus der Vogelperspektive machen.


rohrmann katalog 1883      rohrmann katalog 1896

rohrmann katalog 1899      rohrmann katalog 1901

Kataloge der Firma Rohrmann in Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch, um 1900


Bereits 1898 wandelte er seine Fabrik in eine Aktiengesellschaft um, dessen alleiniger Vorstand er wurde. Durch Zusammenschlüsse mit mehreren Betrieben gleicher Branchen in den Folgejahren kam es 1902 zur Gründung der „Vereinigten Tonwarenwerke A.G.“, und schon 2 Jahre später durch das Zusammengehen mit dem größten Röhrenfabrikanten der Welt, der „Deutschen Tonröhren- und Chamottefabrik A.G. Münsterberg“ (Schlesien), zur Gründung der „Deutschen Ton- und Steinzeugwerke A.-G.“, kurz DTS, mit Sitz der Zentrale in Charlottenburg-Berlin. Das Unternehmen hatte zu dieser Zeit 930 Beschäftigte, 64 Brennöfen und erbrachte einen Umsatz von 2,6 Mill. Mark; bereits 1913 erhöhte sich die Beschäftigtenzahl auf 1200.

Rohrmann wurde zu einem der fünf Vorstandsmitglieder gewählt und arbeitete anfangs in der Charlottenburger Zentrale. Als streitbarer Person mit dem Titel eines Kommerzienrates, noch dazu als Ältestem, fiel es ihm schwer sich unterzuordnen und er übernahm deshalb wieder die Leitung des Krauschwitzer Werkes.


rohrmann zeitungsinserat ca 1899

Zeitungsinserat der Firma Rohrmann, ca. 1899


Herzprobleme veranlassten ihn oft zu Kur- und Krankenhausaufenthalten, was sich auch negativ auf seine Arbeitsleistung auswirkte. Bereits im Gründungsjahr der Gesellschaft erhielt er eine Rüge der Zentrale aus Berlin, „(…) wegen Nichteinhaltung der Lieferfristen des Werkes (...) und kaufmännisch unprofessionellem Verhalten bei Auftragsabwicklungen“. Auch in den Folgejahren gab es immer wieder Auseinandersetzungen mit der Zentrale.

Nach langer Krankheit übergab Ludwig Rorhmann 1908 die Betriebsleitung an seinen Schwiegersohn Ernst Stankiewiez und verstarb am 25. Februar 1909 in seiner Krauschwitzer Villa an einem Gehirnschlag. Er hinterließ die drei Kinder Elsa, Erica und Robert aus erster Ehe mit Minna Hossenfelder, die ebenfalls an einer schweren Krankheit litt; sie verstarb 47jährig und wurde in der Familiengruft in Fraustadt (Provinz Posen) beigesetzt.

Die Differenzen mit der Verwaltungszentrale waren offenbar so groß, dass die Gesellschaft es nicht über sich brachte, das Lebenswerk eines ihrer Gründungsmitglieder mit mehr als einem einzigen Satz zu würdigen. Erst drei Monate später schrieb einer seiner früheren Mitstreiter, der bekannte Chemiker Dr. Georg Lunge, in der „Zeitschrift für angewandte Chemie“ einen Nachruf, der dem Verdienst Rohrmanns annähernd gerecht wurde.


rohrmann brief an georg lunge

Ein Brief Ludwig Rohrmanns an Professor Georg Lunge


Holger Klein, Mitglied des Fördervereins Museum Sagar, befaßt sich seit nunmehr vier Jahren intensiv mit der Geschichte der DTS. Obwohl er in den einschlägigen (Privat-) Archiven, Fachbüchern, Zeitschriften und im Internet auch danach geforscht hat, ist bis heute kein Bild von Ludwig Rohrmann bekannt geworden.

Wer ihm damit oder mit anderen Informationen weiterhelfen möchte, kann das tun, indem er einfach an die folgende Emailadresse schreibt: gravuren@erde.de.


rohrmann patentschrift momentaufnahme apparat

Die Patentschrift für Ludwig Rohrmanns Momentaufnahmeapparat


*****

*****

(23.06.2008)

Kommentare zu diesem Artikel ansehen | Kommentar zu diesem Artikel verfassen

Zur Startseite

Nach oben

made by hsulzer webagentur © 2007