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Erna Pfitzinger (1898-1988)

... mein Leben gipfelte in meiner Töpferei

Texte und Bilder von Helga Heinze
Webseite: Bernd-Ingo Friedrich


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epf0 erna pfitzinger 60er


Kann man sein eigenes Leben mit einem Satz beschreiben? Erna Pfitzinger, geb. Hentschke, konnte es, denn ihr Leben gipfelte in ihrer Töpferei. Ganz bewusst ist dieser Satz hier an den Anfang gestellt: Mit ihm endet nämlich die Lebensgeschichte, die sie 1984 niederschrieb.*

Erna Hentschke wurde am 27. April 1898 in Linderode, Kreis Sorau geboren. Ihr Vater Julius Hentschke war Handwebermeister, die Mutter Berta, geborene Kern, stammte aus einer Tischlerfamilie.

So mancher wird sich wohl noch gut daran erinnern können, daß es in Muskau einst viele "Töpper" gab. Sie alle versuchten, im Konkurrenzkampf gegen die Industrie das Beste in ihrem Handwerk zu leisten, um ihre Familien ernähren zu können. Die traditionsreiche alte Steinzeugtöpferei Pfitzinger (gegründet 1856!) befand sich in der Muskauer Schmelzstrasse Nummer 8.


epf1 erna pfitzinger mit 19 jahren      epf2 fraeulein erna hentschke und elisabeth lehmann      epf3 hochzeit erna hentschke und richard pfitzinger


Was das Leben für die junge Erna Hentschke bereithielt, als sie 1918 Richard, den Sohn dieser Töpferfamilie heiratete, konnte sie noch nicht wissen:

- einen lungenkranken Ehemann, der aus gesundheitlichen Gründen die elterliche Töpferei verlassen musste,
- den Tod des Schwiegervaters und die damit verbundene Übernahme der Töpferei,
- die Kriegszeit ohne männliche Arbeitskräfte im Betrieb,
- die Flucht im Februar 1945, auf der sie ihren Ehemann verlor,
- die Rückkehr in eine zerstörte Heimatstadt,
- schließlich die Wiederinbetriebnahme der Töpferei,
- aber auch die Sorge um ihre Schwiegertochter und deren drei kleine Kindern nach dem Weggang ihres Sohnes Lothar
- sowie die Probleme der DDR-Mangelwirtschaft, speziell mit der Zuteilung von Kohle und Ton.

Dem gegenüber standen aber auch so schöne Ereignisse wie:

- der Aufbau der Töpferei zu einem gut gehenden Unternehmen gemeinsam mit ihrem Sohn,
- erfolgreiche Präsentationen auf der Leipziger Messe,
- die alleinige Leitung der Töpferei - ihrer Töpferei,
- der Besuch der Kunsthandwerkermesse in München 1955,
- die staatliche Anerkennung als Kunsthandwerkerin,
- die Auszeichnung ihres kleinen braunen Kaffeeservices mit dem Prädikat „ Gute Form “ 1964,
- Ausstellungen in vielen Ländern,
- die Übernahme des Betriebes durch Enkelsohn Andreas, der 1982 „ Kunstschaffender im Handwerk“ und ein erfolgreicher Geschäftsmann wurde.


epf3a firma pfitzinger 1954


Der 21. Februar 1945 war der Tag, an dem sich das Leben für Erna völlig veränderte. Nach erfolgloser Suche nach ihrem spurlos verschwundenen Ehemann musste sie erkennen, dass sie von nun an selbst für sich sorgen musste.

Um ihre Reserven nicht angreifen zu müssen, verdiente sie sich ihren Unterhalt in einer Holzfabrik im Fluchtort Benneckenstein, im Hinterkopf die bange Frage: „Was wird mich zu Hause erwarten?“

Damals wie heute war der Weg in die Selbstständigkeit ein Wagnis. Nach dem Ende des Krieges blieb der Witwe keine andere Wahl, als diesen Weg zu gehen, denn sie fühlte sich für ihre Familie verantwortlich.

Die Töpferei war zwar teilweise zerstört, doch mit viel Fleiß und der Hilfe von Fachleuten, die sie unter den Flüchtlingen aus Schlesien fand, konnte schon am 1. Oktober 1945 produziert werden, was die Menschen jetzt dringend brauchten: Tassen, Schüsseln, Töpfe.

Im November 1945 erhielt Erna einen tatkräftigen Helfer; ihr Sohn Lothar kam unbeschadet aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause. Vorerst konnte sie die Verantwortung für Lothars Familie wieder abgeben und sich mit ihm um den Fortbestand des Betriebes kümmern.


epf4 belegschaft toepferei 50er

epf5 hans andrzejewski 50er      epf6 vasen im brennofen 70er


Im Frühjahr 1947 sah Erna Pfitzinger auf der Leipziger Messe die ausgestellte Kunstkeramik, und das, schrieb sie, „...ließ den Wunsch in mir wach werden, auch einmal an dieser Stelle zu stehen.“ Das war ihr Ziel, das sie mit harter Disziplin und einem guten Gefühl für Form und Dekor verfolgte. Ohne jemals in den Genuss einer Ausbildung gekommen zu sein, verknüpfte sie traditionelle Arbeitstechniken wie Stempel- und Ritzdekor mit den Möglichkeiten moderner Formgestaltung. Das Sortiment war begrenzt und hatte seinen unverwechselbaren Charakter. Dazu trug vor allem der Keramikveredler Hans Andrzejewski bei, dessen akribisch gesetzte Ornamente von 1947 an unzählige Gefäße zierten. Pfitzinger-Steinzeug war bekannt und beliebt.

Die erste Präsentation auf einer Ausstellungsfläche von nur zwei Quadratmetern während der Leipziger Frühjahrsmesse 1948 war ein Erfolg: „... unser einfaches Steinzeug mit der Salzglasur fand viel Beifall.“ Ware und Aussteller reisten auf einem Lastwagen, das Quartier teilten sich mehre Personen, und die Verpflegung in Form von Kartoffeln, Haferflocken und Obst brachte Erna Pfitzinger im Rucksack aus Muskau mit.

Als ihr Sohn einen eigenen Betrieb aufbaute, führte sie die Töpferei mit 10 Mitarbeitern in Muskau allein weiter - ihre Töpferei. Sie wurde eine erfolgreiche Geschäftsfrau und anerkannte Kunsthandwerkerin.

Vielen ist Erna Pfitzinger noch im Gedächtnis, wie sie freundlich aus der niedrigen Tür des alten Hauses auf die Schmelze hinaus schaut. Sie war resolut, offenherzig und humorvoll. Sie hatte nicht mehr geheiratet, investierte ihre ganze Kraft und Liebe in die Kunsttöpferei, war stolz auf ihre Familie und knüpfte die Hoffnung für das Fortbestehen des Handwerks an ihre Enkel und Urenkel.

Erna Pfitzinger war zufrieden, als sie 1988, kurz vor ihrem 90. Geburtstag, in ihrer Wohnung verstarb, denn ihr Leben gipfelte in ihrer Töpferei!

1991 gab die Kunsttöpferei Pfitzinger ihre Geschäfte auf. Mit ihr endete die Jahrhunderte alte Tradition der einst so berühmten „Töpferstadt“ Muskau.

(20. März 2008)

epf7 erna pfitzinger mit vase 60er      epfz reklame paul pfitzinger

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* Erna Pfitzinger: "Die Geschichte der Töpferei Pfitzinger." Typoskript. Weißwasser 1984. Archiv der Autorin.

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