Steinzeug-Archäologie 1:
Steinzeugscherben aus der (Bad) Muskauer Schmelzstraße
Gefunden und beschrieben von Dr. Gunter Oettel
Der folgende Artikel erschien in: Görlitzer Magazin. Geschichte und Gegenwart der Stadt Görlitz und ihrer Umgebung. Heft 20/2007. Görlitz: Verlag Gunter Oettel 2007; S. 69–78. Er wird hier um eine Abbildung vermindert zitiert. Interessenten dafür wenden sich bitte an den Autor und Verleger.
Weitere interessante Funde aus Muskau, Triebel (Trzebiel/PL) und Görlitz sind auf der Startseite steinzeug.kulturpixel.de unter 2. "Steinzeug gestern" zu finden.
Muskauer Steinzeug
Ein bekanntes und gleichzeitig unbekanntes Steinzeug
aus der Oberlausitz
Schöne und reich dekorierte Krüge aus Muskauer Steinzeug zieren zahlreiche Museen und private Sammlungen nicht nur in der Oberlausitz. Leider ist der wissenschaftliche Bearbeitungsstand des Muskauer bzw. allgemein des Lausitzer Steinzeugs nicht gleichermaßen aktuell. Lausitzer Steinzeug gerät immer wieder einmal in das Blickfeld der Keramikforschung, ohne dass bisher eine befriedigende Zuweisung zu Herstellungsorten und, innerhalb dieser, zuverlässige Typologien anhand archäologischer Befunde und Stratigraphien erfolgt wäre. Unsere Erkenntnisse zum Lausitzer Steinzeug als Sammelbegriff unterschiedlicher Steinzeuge aus verschiedenen Herstellungsorten der Ober- und Niederlausitz verdanken wir vor allem Konrad Strauß,1 Rudolf Weinhold,2 Josef Horschik3 sowie in jüngerer Zeit Holger Rode4 und Hans-Georg Stephan.5
Hinter dem Lausitzer Steinzeug verbergen sich Erzeugnisse aus Muskau, Triebel/Trzebiel, Bautzen, Zittau und weiteren Herstellungsorten der Ober- und Niederlausitz, die noch nicht in jedem Fall bekannt sind, da entsprechende Untersuchungen bzw. Befunde der potentiellen Töpfereistandorte fehlen, wie beispielsweise in Görlitz.
Es ist unbedingt notwendig, den Rahmen der breit zusammengesetzten Keramikgruppe des Lausitzer Steinzeugs hinsichtlich der Herstellungsorte und der Chronologie weiter zu differenzieren. Im Folgenden soll schwerpunktmäßig auf das Muskauer Steinzeug eingegangen werden, dessen kunsthistorische Bedeutung in keinem entsprechenden Verhältnis zum Stand seiner Erforschung steht.

Vergl. Horschik, Steinzeug, S. 466/467, Abb. 12 und 468/469 Abb. 26.
Das gestempelte Relief auf dem rechten Krug zeigt das Nürnberger Stadtwappen.
Die Erkenntnisse über das Muskauer Steinzeug kranken vor allem daran, dass sein bislang nur kunsthistorisch beschriebener Formenkanon – abgesehen von drei (!) Altfunden [zwei davon sind oben abgebildet] unterschiedlicher Zeitstellung aus der Schmelzstraße in Bad Muskau aus dem Bestand des Märkischen Museums Berlin6 – vordergründig auf Museumsbestände ohne eindeutigen Herkunftsnachweis zurückgeht. Dazu kommt noch, dass bislang keine eindeutige Trennung zwischen Muskau und Triebel erfolgte. Erschwerend wirkt sich bei der Behandlung des Themas außerdem noch aus, dass die Bearbeiter dazu nur vollständige Gefäße aus den Museumsbeständen herangezogen hatten. Dadurch ist es durchaus möglich, dass bestimmte größere Gefäßformen überhaupt nicht erfasst wurden, da sie nur selten vollständig erhalten überliefert sind. Gleiches trifft auf einfache unverzierte Haushaltkeramik zu, der die typischen Muskauer Merkmale fehlen. Aus diesem Grund kommt einer Kollektion von Steinzeugscherben aus Muskau, die der Verfasser dort gesammelt hat, besondere Bedeutung für die genauere Bestimmung der Muskauer Ware zu. 1995/96 erfolgte in Bad Muskau die Erneuerung der Kanalisation. Dabei kam es zu tiefreichenden Eingriffen in den Untergrund. Der Verfasser hat entsprechend dem Baufortschritt immer wieder den Zwischenlagerplatz nach Fundstücken abgesucht und, wenn möglich, nach ihrer Herkunft getrennt geborgen – besser wäre natürlich die Dokumentation der Befunde in den Gräben und die Bergung der eventuell noch in Schichten erfassbaren Funde gewesen.7
Neben einer slawischen Scherbe aus dem Bereich Berliner/Köbelner Straße traten herkunftsmässig nicht näher zuweisbare reduzierend gebrannte mittelalterliche Scherben, Lederreste sowie das Bruchstück eines Knochenkammes und diverse neuzeitliche Scherben zu Tage. Die Masse der Fundstücke sind Steinzeugscherben aus der Schmelzstraße.8
Die folgenden Ausführungen lehnen sich an die vor allem von Josef Horschik erstellten Typen des Muskauer Steinzeugs an, da der vorzulegende Scherbenkomplex nicht unbedingt repräsentativ ist bzw. sein muss. Soweit notwendig, erfolgt aber eine Korrektur der vor allem auch auf Konrad Strauß zurückgehenden Positionen Horschiks bezüglich der Ursprünge des Muskauer Steinzeugs. Grundsätzlich sei aber ebenso vorangestellt, dass die im Folgenden behandelten Steinzeugscherben aufgrund der Fundumstände keine Aussagen zur Chronologie zulassen. Damit bleiben leider zahlreiche Fragen auch weiterhin offen.
Bei der Bearbeitung der Muskauer Scherben traten immer wieder neue Fragestellungen ins Blickfeld des Verfassers, denen in diesem Rahmen nicht in jedem Fall nachgegangen werden kann. Dies muss einer folgenden Arbeit vorbehalten bleiben, die sich den Ursprüngen des Muskauer Steinzeugs widmen soll. Das bezieht sich vor allem auf seine noch fehlende Herleitung aus älterer örtlicher Irdenware, wie sie sich in anderen Städten und Herstellungsorten der Oberlausitz, beispielsweise Zittau, zeigt.
Trotz der Tatsache, dass die Scherben von einem Abraumzwischenlager stammen, besitzen sie durchaus einen Aussagewert, da ihre Herkunft aus der Schmelzstraße durch tägliche Beobachtungen weitgehend abgesichert ist. Teilweise deutlich erkennbar, ansonsten zu vermuten, sind die Scherben als Töpfereiabfall zu interpretieren, den die Töpfer als Schotter auf der Straße „entsorgten“.9 Die Schmelzstraße oder „Schmelze“ liegt südlich des historischen Stadtkerns von Muskau, war also Vorstadt. Sie erhielt ihren Namen durch die hier ursprünglich zahlreich vorhandenen Steinzeugtöpfereien oder -schmelzen. Das erklärt auch ihre Lage außerhalb der Stadt, die sich im Brandschutz begründete, wie dies auch in anderen Städten zu beobachten ist. In Görlitz und Zittau lagen beispielsweise die Töpferberge außerhalb der Stadt. Leider gibt es in Muskau bisher keine Ausgrabungsbefunde, die Einblick in eine solche Steinzeugtöpferei der frühen Neuzeit gestatten.
Obwohl nur auf typologische Hinweise beschränkt, umfassen die Scherben einen Zeitraum, der vom ausgehenden 16. Jahrhundert bis weit in das 17. Jahrhundert reicht. Dieser zeitliche Rahmen schließt aber auch jüngere Stücke nicht aus. Die ältesten Muskau zugeschriebenen Steinzeuge sind leider nicht vertreten. Einziges bekanntes Belegstück ist ein kugeliger Krug mit mäanderförmiger Rollstempelverzierung aus der Schmelzstraße, der im Märkischen Museum in Berlin aufbewahrt wird.10 Die Deformierung des Gefäßes beim Brand bezeugt Töpfereiabfall bzw. Ausschuss, der wohl nicht in den Handel gelangt war. Diesem Gefäß kommt im Rahmen des Muskauer Steinzeugs eine Schlüsselstellung zu. Hervorzuheben ist seine große Ähnlichkeit mit den auch bei Horschik in Auswahl abgebildeten kugelförmigen Krügen aus Zittau.11
Vorbehaltlich anzustrebender naturwissenschaftlicher Herkunftsanalysen der verwendeten Tone könnte das Auftreten gleicher Formen in verschiedenen Herstellungsorten als Technologie- und Formentransfer gedeutet werden. Die Datierung des Muskauer Kruges und der Zittauer Stücke in das erste Drittel des 16. Jahrhunderts durch Horschik ist zu hinterfragen. Die Zittauer Krüge können durchaus älter sein, während der Muskauer Krug zwanglos in die Mitte des 16. Jahrhunderts zu datieren ist. Diese Fragestellung bedarf unbedingt einer Klärung, was der Verfasser im Zusammenhang mit der weiteren Untersuchung des Zittauer Steinzeuges versuchen möchte.
Muskau steigt erst unter der Herrschaft der Bibersteiner im rechtlichen Sinne zur Stadt auf. Grundsätzlich verbindet sich mit dieser Familie ein wirtschaftlicher Ausbau der Heidegebiete im Norden der Oberlausitz. Vor allem seit der Übernahme des Besitzes durch Sigmund von Biberstein 1519 setzte verstärkt der innere Ausbau der Herrschaft ein.
Erst in diesem Zusammenhang ist der Beginn der Steinzeugproduktion in Muskau zu vermuten. Obwohl bislang entsprechende Hinweise fehlen, sprechen viele Faktoren für die Übernahme einer fertigen Technologie durch die Muskauer Töpfer dafür, bzw. dass sie die Technologie von anderen Orten mitgebracht haben könnten.
An dieser Stelle kann nur eine kursorische Vorstellung des Fundmaterials erfolgen. Neben Scherben von Gefäßen fallen auch Reste von ringförmigen, durchbrochenen Stapelhilfen auf, die das Einschichten der Gefäße in den Ofen erleichterten.
Auffällig ist an zahlreichen Scherben die für Muskauer Steinzeug typische Kannelierung des Ablaufes (Abb. 4, 8, 10). Dazu kommen eine Kerbschnittverzierung des Oberteiles, Zirkelschlag, Einzelstempel sowie die Verzierung mit weißen Quarzitbröckchen in unterschiedlichster Kombination.12 Die Stempel zeigen geometrische Motive, Blumen, Blätter u.a. Besonders die Vielfalt der Einzelstempel sowie ihre fast unüberschaubaren Kombinationsmöglichkeiten auch mit anderen Verzierungselementen machen u.a. den Wert dieses Fundkomplexes aus.
All die genannten Verzierungen treten etwa ab 1600 bis 1620 auf und bleiben für das gesamte 17. und teilweise das 18. Jahrhundert bestimmend. Als Gefäßformen sind Krüge und Tüllenkannen, Dosen sowie wenige Schüsseln und Töpfe vertreten. Die Glasurfarben umfassen vor allem grünlich-graue sowie braune Töne.
Ab 1620 bis 1640 finden sich Gefäße mit blauer Kobaltbemalung bzw. -glasur (Abb. 13,16–18).13 Sie stellen im Fundmaterial mit lediglich sechs meist recht kleinen Scherben eher die Ausnahme dar. Zwei Scherben tragen Beerennoppen, andere weisen florale Verzierungselemente auf Netzgrund auf. Zur Gefäßform sind keine Aussagen möglich.
Wenige Scherben zeigen braun-schwarze bzw. dunkelbraune Farbkombinationen (Abb. 13,9–13,15). Sie sind eher in das 18. Jh. zu datieren, ebenso wie jüngere Gefäße mit Zirkelschlag (Abb. 12,6).
Abschließend ist festzustellen, dass der Scherbenkomplex aus der Schmelzstraße vor allem das 17. Jahrhundert repräsentiert. Die ältesten Formen des 16. Jh. fehlen vollständig. Ursache dafür könnte die eher zufällige Verteilung des Töpfereiabfalls im Stadtgebiet sein, weniger die Lage der Werkstätten. Es sind keine Aussagen möglich, wie viele Werkstätten zur Entstehung des Abfalls beigetragen haben. Auffällig ist allerdings, dass im gesamten Fundmaterial neben den älteren Steinzeugen Scherben mit figürlichen Dekors sowie mit mehrfarbigen Glasuren fehlen, ebenso schlanke birnenförmigen Krüge. Aufgrund des besonderen Charakters des Fundmaterials von der Kippe sind leider keine Aussagen möglich, wie repräsentativ die Scherben für das Muskauer Steinzeug nun wirklich sind. Das Fehlen von Belegen mit den genannten Merkmalen kann natürlich ebenfalls zufällig sein, es kann aber auch auf ein tatsächliches Fehlen solcher Formen in Muskau hinweisen. Hierzu sind archäologische Untersuchungen eventuell anstehender Töpfereibefunde in Muskau unerlässlich.
(2007)



Fotos und Texte © Dr. Gunter Oettel, Görlitz
(Kulturpixel seit dem 2. November 2011.)
Anmerkungen
1 Konrad Strauß: Alte deutsche Kunst-Töpfereien. Berlin 1923; ders.: Schlesische Keramik. Studien zur deutschen Kunstgeschichte. Heft 254. Straßburg 1928.
2 Rudolf Weinhold: Töpferwerk in der Oberlausitz. Berlin 1958.
3 Josef Horschik: Steinzeug 15. bis 19. Jahrhundert. Von Bürgel bis Muskau. Dresden 1978.
4 Holger Rode: Die Keramik der Falke-Gruppe und ihre besondere Bedeutung für das Gebiet Ostsachsens und der Lausitz. In: Neues Lausitzisches Magazin N. F. 4 (2001), S. 7–23.
5 Hans-Georg Stephan: Neue Erkenntnisse zum reichverzierten Lausitzer Steinzeug der Spätgotik. Kontext und Herkunftsfrage. In: Neues Lausitzisches Magazin N. F. 5/6 (2002/03), S. 7–36.
6 Ich danke Herrn Eberhardt Kirsch vom Stadtmuseum Berlin ganz herzlich für Informationen und für die Bereitstellung von Fotos dieser Gefäße. Sie gelangten lt. Inventareintrag 1916 als Geschenk des Töpfermeisters Karl Lehmann durch Konrad Strauß in das Märkische Museum, wobei kein Fundort bzw. keine Fundstelle genannt wird. Einen entsprechenden Hinweis dazu gibt Konrad Strauß, Schlesische Keramik (wie Anm. 1), Taf. XLIV, 217–219, wo er drei Muskauer Gefäße aus der Schmelzstraße zu Muskau abbildet. Zwei davon sind mit den abgebildeten identisch, das dritte ist eine Butterdose, die mit der bei Horschik (wie Anm. 3), S. 469, Nr. 29 abgebildeten identisch sein könnte. Dort fehlt allerdings der Hinweis auf den Fundort.
7 Eine planmäßige archäologische Untersuchung durch das Landesamt für Archäologie ist leider unterblieben.
8 Nach Abschluss der Bearbeitung werden die Fundstücke dem Kulturhistorischen Museum Görlitz übergeben.
9 Keramikschotter als Packlager von Wegen findet sich auch an verschiedenen Stellen im Schloßpark von Muskau.
10 Horschik (wie Anm. 3), S. 466, Nr. 8 und S. 468, Nr. 22.
11 Horschik (wie Anm. 3), S. 466, Nr. 13 f.
12 Vgl. Konrad Strauß u. Frieder Aichele: Steinzeug. Augsburg ²1992, S. 154; Horschik (wie Anm. 3), S. 310 ff.
13 Vgl. ebenda.
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