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Die Ziegelei des Töpfermeisters Kiesewetter in Weißwasser

Von Helga Heinze
und Bernd-Ingo Friedrich


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Im Jahre 1834 trat Ernst Kiesewetter für vier Jahre bei Töpfermeister Carl Witzmann in Muskau die Lehre an,1 um nach seiner Meisterwerdung 1849 die „Töpferprofession“ zu betreiben. Dazu bediente er sich des zweiten Brennofens von Töpfermeister Lehmann. Am 15. Juni 1853 stellte er von Weißwasser aus an die Standesherrschaft den Antrag, auf einem Acker an der „Chaußee nach Bautzen links vom Chaußeehause“ sein Wohnhaus und einen Töpferofen anzulegen, um ein „Töpferei Etablißement“ zu gründen.2

Am 9. Mai 1847 wurde ihm sein Sohn Hermann geboren,3 der ebenfalls das Töpferhandwerk erlernte. Jedoch begann nun die Zeit des Niedergangs des Handwerks, weshalb der Sohn acht Jahre als gräflicher Ziegeleimeister arbeitete. Gestützt auf seine beruflichen Erfahrungen und mit dem Wissen um den beginnenden Aufstieg des Dorfes Weißwasser zum Industriestandort, gründete er Ende der 1880er Jahre an der Stelle der elterlichen Töpferei in Weißwasser eine Ziegelei. Er erwarb sich außerdem hohes Ansehen durch seine Stellungen als Gemeindevorsteher und stellvertretender Amtsvorsteher sowie als Mitglied des Schützenvereins.


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Sein Sohn Paul heiratete Minna Ottilie Schmidt, geboren am 17. März 1879 in Daubitz als sechstes von sieben Kindern. Als sich Vater Hermann 1915 aus Altersgründen zur Ruhe setzte, übertrug er das florierende Geschäft seinem Sohn Paul, der inzwischen fünf Kinder mit seiner Frau Minna hatte. Kurz darauf wurde Paul in den ersten Weltkrieg einberufen und verstarb im Alter von 42 Jahren am 21. Dezember 1917 in rumänischer Gefangenschaft. Nun übernahm seine Frau Minna die Leitung der Ziegelei. Sie führte die Firma mit etwa 20 Angestellten, unterstützt von ihrem Schwiegervater, der am 25. April 1924 sein 50jähriges Meisterjubiläum beging. Die Jahresproduktion betrug 1928 rund eine Million Dach- und Mauersteine.4 Ende der 1920er Jahre übernahm Erich, einer von Minnas Söhnen, den Betrieb und Großvater Hermann konnte nun endgültig in den Ruhestand gehen. Nach dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges kam auch für Erich die Einberufung, und wieder übernahm Minna die Leitung der Ziegelei. Während des Krieges kam die Bautätigkeit zum Erliegen und der Betrieb stellte 1943 die Produktion ein. Den Krieg hatte die Ziegelei ohne größere Schäden überstanden, erst danach wurde sie durch Brandstiftung vernichtet.

Minna sah ihre beiden Söhne nicht wieder, sie wurden im Rußlandfeldzug als vermißt gemeldet. Nach dem provisorischen Wiederaufbau der Ziegelei schloß die Stadt 1951 mit Minna Kiesewetter einen zehnjährigen Pachtvertrag, um hauptsächlich Dachziegel herzustellen. Als der Vertrag 1961 auslief, wurde er nicht mehr verlängert und Frau Kiesewetter ein Jahr später enteignet. Aus unmittelbarer Nähe mußte sie noch bis zu ihrem Tode am 11. Januar 1964 dem Verfall ihres ehemaligen Familienbetriebes zusehen. Mitte der 1960er Jahre kam es zum Abriß der ruinierten Werkstattgebäude. 5

(10.10.2011)

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Jugenderinnerungen eines Alten
Von Hermann Kiesewetter, Weißwasser O.-L.

Bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts reichen meine Erinnerungen zurück. Als Dreijähriger kam ich mit meinem Vater aus Muskau hierher. Muskau war damals zehnmal so groß wie Weißwasser, das kaum zweihundert Seelen zählte. Die Bevölkerung war fast ausschließlich wendisch. Deutscher Herkunft waren nur wenige Familien. So der andere Töpfermeister außer meinem Vater im Dorfe, der Lehmann hieß, der prinzliche Ziegeleimeister Scheibe, der Gastwirt Schmidt und der Revierförster Förster. Der Zolleinnehmer mit dem hübschen deutschen Namen Hähnchen war geborener Russe, der nach Muskau als Hutmacher eingewandert war. Weil er jedoch sieben Sprachen beherrschte, war er vielfältig zu gebrauchen und wurde häufig als Dolmetscher verwandt. Obwohl wir nur so wenige Deutsche waren, wurde der Unterricht in deutscher Sprache erteilt. Mein Lehrer Warko war von Hause aus gelernter Schneider. Der Unterricht erfolgte an jedem Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag. Am Mittwoch und Sonnabend wurde Warko als Dolmetscher benötigt in den Prozessen der Wenden vor den deutschen Gerichten oder Behörden in Muskau oder Rothenburg. Wir wohnten dort, wo heute die Bäckerei von Klawisch ist. Am anderen Ende der Hauptstraße im alten Dorf stand unsere Schule. Das Schulgeld betrug pro Tag einen Pfennig und wurde vom Lehrer persönlich bei den Eltern eingezogen. Da der Unterricht an den vier Tagen stets nur je anderthalb Stunden währte, war es nicht leicht, uns sechzig Kindern etwas beizubringen. Später kaufte mein Vater vom Gastwirt Schmidt an der Chaussee nach Muskau, wo noch heute unsere Ziegelei steht, ein Haus. Vor diesem Hause bog durch die heutige Schweigstraße der sogen. Prinzenweg, die Hauptstraße bei der jetzigen gräflichen Schneidemühle schneidend, in den Wald bis zum Jagdschloß. Viele Schlagbäume bewahrten diesen Weg vor allgemeiner Benutzung. Benutzte ihn der Prinz der Niederlande, dem damals die Standesherrschaft Muskau gehörte, einmal, was selten geschah, so fuhr er sechsspännig zum Jagdschloß.

Die Bevölkerung, die, abgesehen von den paar genannten Betrieben, rein landwirtschaftlich war, wurde eingeteilt in Großbauern, Gärtner, Halbbauern, Büdner, Viertelbauern, Großhäusler, Klein- oder Leerhäusler. Neben Roggen- und Kartoffelbau war Torfstich – lange bevor der Bergbau kam – eine lohnende Beschäftigung. Alle Bewohner mußten mehrere Tage im Jahr trotz der Bauernbefreiung, die 1810 durch den Freiherrn v. Stein gesetzlich vorgenommen wurde, Hofedienste leisten. Die größeren Besitzer mit Gespannen in der Alaunfabrik der Herrschaft in Muskau, die kleineren leisteten Handdienste. Bei Straßen- und Brückenbauten lieferte die Herrschaft Holz und Steine, die Gemeinden hatten die „Techniker“ zu stellen, wie man damals die Maurer nannte, die Bauern waren Handlanger. So war es auch bei dem großen Chausseebau von Muskau nach Bautzen geschehen, der 1841 fertiggestellt worden war. Nach der Benennung der Bauern erfolgte auch die Steuereinteilung. Die Steuern hatte der Gemeindevorsteher persönlich einzuziehen und in Rothenburg, das er von Weißwasser aus in sechsstündigem Marsche erreichen konnte, abzuliefern. Um Weg zu sparen, legte er dieses Geschäft mit den nötigen Besuchen bei den anderen Behörden dort nach Möglichkeit zusammen. Solche Tagereisen nach der Kreishauptstadt waren anstrengend und zeitraubend. Noch als ich selber später jahrelang Gemeindevorsteher war, gehörten bei einer jährlichen Vergütung von 30 Talern solche Wanderungen nach Rothenburg zu meinen Dienstobliegenheiten. Ebenso natürlich die viel näheren Wege nach Muskau. Dorthin mußte ich als Gemeindevorsteher u.a. auch Häftlinge oder Verbrecher wohl oder übel transportieren. Auch gelegentliches Glatteis bot keinen Hindernisgrund dagegen. Dabei besaß der Gemeindevorsteher und Gefangenenbegleiter nicht einmal eine Schußwaffe. Aber die Bewohner hatten eine Lanze. Die trugen sie umschichtig, wenn die Reihe als Nachtwächter an sie kam. Als ihnen die lange Nachtwache später ein Wächter, der bescheiden dafür bezahlt wurde, abnahm, mußte er sich Kontrollen durch einen Gendarm gefallen lassen. War er nicht auf dem Posten oder schlief er, so hatte er harte Strafen zu gewärtigen. Was nicht verhinderte, daß ein Nachbargrundstück von uns abbrannte, ohne daß ein Wächter oder jemand anders davon etwas bemerkt hätte!

Hat der Weißwasseraner, und haben die Nachkommen jener alten Zeiten es heute nicht tausendmal besser? Wer wollte sich mehr dieses Fortschritts erfreuen als der, der die Leiden so rückständiger Zeitläufte persönlich gespürt hat.

(Zeitungsartikel. Kopie ohne Titel, Ort und Jahr. Historisches Archiv der Stadt Weißwasser, Karton 1.)


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Anmerkungen
1 StFilA Bautzen, Standesherrschaft Muskau 50175-1314, Blatt 76.
2 Meisterbuch für Muskau Gewerck der Töpfer 1719–1835.
3 Neueste Nachrichten für Weißwasser, Rietschen, Schleife und Umgebung. Jubiläumsausgabe v. 2. Sept. 1928.
4 Ebenda.
5 Nach Informationen des Urenkels Gilbrecht Asch.

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