Wissenswertes über die Keramik im Muskauer Faltenbogen
Von der Bronzezeit bis heute
Von Bernd-Ingo Friedrich
Mitgearbeitet haben
Helga Heinze und
Holger Klein

Tasse mit Flechtbandornament. Östliche Lausitz. Etwa 9. Jahrhundert v.d.Z.
Das Wort „Keramik“ ist im weiteren Sinne ein Sammelbegriff für alle aus gebranntem Ton hergestellten Erzeugnisse vom Ziegelstein bis zum künstlichen Zahn. Man unterscheidet zwei Hauptgruppen: Zur Grobkeramik gehören Ziegel- und Schamottesteine, Steinzeugröhren, Tröge, Behälter, Baukeramiken usw. In die zweite Gruppe gehören Irdenware, Terrakotta, Majolika, Fayence, Steingut, Steinzeug, Feinsteinzeug und Porzellan. Für die handwerkliche bzw. kunsthandwerkliche Keramik in der Lausitz ist das Steinzeug besonders interessant. Bereits in der frühen Bronzezeit entstand hier, begünstigt durch Rohstoffvorkommen in Oberflächennähe, v.a. im Gebiet des Muskauer Faltenbogens, und durch ausgedehnte Wälder, die reichlich Brennmaterial boten, ein eigener keramischer Formenkreis – die so genannte „Lausitzer Kultur“.

Karte der beiden Lausitzen. Kupferstich. Um 1750.
Muskau liegt an der Grenze beider Lausitzen, also der Nieder- und der Oberlausitz. Es gehört zur Oberlausitz, und die Oberlausitz wiederum gehört(e) zu Schlesien, genauer: Niederschlesien, weshalb die Stadt bis vor kurzem einem Niederschlesischen Oberlausitzkreis eingemeindet war, der inzwischen aber in einem neuen Landkreis aufgegangen ist, der sich Landkreis Görlitz nennt. Dieser liegt in Sachsen, wobei sich Muskau natürlich auch hier wieder an einer Grenze befindet, und zwar an der von Sachsen und Brandenburg, BRD; diese nun stößt hier an die deutsch-polnischen Grenze und so weiter ...
Im Laufe von Jahrhunderten entwickelten sich Technologie und Handwerk, so daß mit dem Einsetzen der schriftlichen Überlieferung in den Zünften bereits ein hoher Stand der keramischen Fertigung erreicht war. Nach dem Vorbild der Bautzener von 1558 erhielten die Muskauer Töpfer 1596 ihre ersten Privilegien. Damit ist die Muskauer Zunft nach Bautzen und Zittau die drittälteste. Zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert waren in der Oberlausitz mindestens 30 Töpferorte bekannt. Eine gedachte „Straße des Steinzeugs“ verlief von Muskau aus über ehemals so (mehr oder weniger) bekannte Orte wie Lugknitz, Tschöpeln (Töpferstedt), Mühlbach, Triebel, Teuplitz, Jocksdorf und Ullersdorf bis hin nach Bunzlau und Naumburg am Queis.

Abbildung links: Dose und Schnupftabakfläschchen. Unterglasurmalerei. Lausitz. Um 1900.
Rechts: Kleiner Krug. Unterglasurmalerei von Ernst Hoepfel, Krauschwitz. Um 1950.
Bei den Töpfereien handelte es sich zumeist um Familienunternehmen wie die noch heute existierenden Töpfereien Jürgel in Pulsnitz oder Lehmann in Neukirch. Unter den Muskauer Firmen war die Töpferei Pfitzinger mit einer über 130jährigen Tradition eine der langlebigsten. Weitere Orte in der Oberlausitz mit altangesessenen Töpferfamilien sind Bischofswerda, Elstra, Königsbrück, Kamenz und Göda. Als Nathanael Gottfried Leske, Professor der Ökonomie in Leipzig und gebürtiger Muskauer, seine Reise durch Sachsen (1785) dokumentierte, gab es in Muskau 21 Töpfer. Leske schrieb: „Ihre Arbeit ist in hiesiger Gegend weit und breit bekannt und verdient viel Beifall. Die Güte ihrer Arbeit gründet sich größtenteils auf die Tüchtigkeit des Tons, den sie verarbeiten.“, und weiter, daß sie einen braunen, eisenschüssigen Ton aus eigenen Gruben verarbeiten und daraus u.a. „besonders feste töpferne Rören“ fertigen, die weithin für ihre Haltbarkeit berühmt sind.

Abb. links: Kleiner Krug. Steinzeug mit Salzglasur. Altmuskauer Kerbschnitt, besetzt mit Quarzsteinchen. Um 1650.
Rechts: Gösseltränke. Steinzeug, Salzglasur. Muskau. Um 1900.
1552 sind in Muskau die Namen Dretwa und Haberland erwähnt, die wahrscheinlich die ersten Familien bezeichnen, aus denen später zahlreiche Töpfermeister hervorgingen. Der letzte Dretwa verabschiedete sich 1896 von den Muskauern, um sich in Bunzlau niederzulassen. Eine Familie Haberland, nach 1800 nicht mehr nachzuweisen, stellte 1670 in der Stadt sogar acht von zwölf Töpfermeistern. Die Muskauer Töpferzunft war eine der größten der Lausitz. Mit der Industrialisierung veränderten sich die Bedürfnisse und neue Materialien wie die Emaille und vor allem das Glas verdrängten das Steinzeuggeschirr. Viele kleine Handwerksbetriebe gingen in Konkurs oder stellten ihre Produktion auf chemisch-technisches Steinzeug um. Der östlich der Neiße gelegene Ortsteil Lugknitz (£êknica/PL) avancierte zum Industrie-Vorort von Muskau. Aus dem Betrieb Dretwas beispielsweise entwickelte sich das Unternehmen „Muskauer Tonwaren-Industrie F. Dienstbach“, das 1945 zerstört wurde. Durch den Unternehmer Jungeblut wurde die Produktion der Tonwarenfabrik Kypke auf chemisches Steinzeug umgestellt und eine zusätzliche Steinzeugröhrenfabrik errichtet. Aus der 1876 in Konkurs gegangenen „Muskauer Thonwaaren- und Röhrenfabrik Aktiengesellschaft“ in Krauschwitz machte Ludwig Rohrmann eine Tonwarenfabrik, die zusammen mit der Fabrik von Jungeblut 1904 zu der weltbekannten Deutschen Ton- und Steinzeugwerke A.G. fusionierte.

Links: Modell eines 1000-Liter-Säurebehälters. VEB Steinzeugwerk Krauschwitz. 1980. / Rechts: Der große Bruder
Weltruf und unter Sammlern Höchstpreise haben die Muskauer Steinzeuggefäße erlangt. Sie sind in allen bedeutenden Kunstgewerbesammlungen der Welt zu finden. Voraussetzung dafür war, wie von Leske beschrieben, der besondere Ton, der nach dem Schrühbrand engobiert oder mit Lehm glasiert wurde, oder im Salz- (Holz-) Brand eine farblose Glasur erhielt. Anders als die „normale“ Keramik, die bei Temperaturen um 1150–1250 °C gebrannt wird, benötigt Steinzeug zum Sintern etwa 1350 °C, dazu wird in der letzten Brennphase Salz in den Ofen gegeben. Der so entstehende kompakte Scherben macht das Steinzeug unverwechselbar und nahezu unverwüstlich.

Links: Küchenregal für die Puppenstube mit Puppengeschirr: Bunzlauer Schwämmeldekor, Terrakotta aus der Form, Salz- u. Lehmglasur, Salzglasur mit Kobaltbemalung. Um 1920.
Rechts: Kleine Henkelvase, Steinzeug, salzglasiert. Kobaltblaue Bemalung von Reinhard Klenner, Muskau. Werkstatt Pfitzinger. Um 1980
Nach 1945 entstanden in und um Muskau einige kleinere Töpfereien, von denen es heute jedoch nur noch die 1898 in Krauschwitz als Ziegelei gegründete und 1946 in einen Handwerksbetrieb umgewandelte Töpferei Najorka gibt. Der Münchner Kunstmaler Ernst Hoepfel mit seinen unverwechselbaren Produkten konnte seine Werkstatt in der Nachkriegszeit nur sieben Jahre lang behaupten. Der aus Lugknitz geflüchtete Horst Rottnick produzierte seit 1949 und gab 1990 auf, die Töpferei Pfitzinger löschte ihre Öfen endgültig 1991. Dafür entstanden in dem Nachbardorf Sagar zwei neue Werkstätten, und im etwas weiter entfernten Rietschen ist ebenfalls eine Töpferin tätig. Nachwuchs, der hier ausgebildet wurde und jetzt „in der Fremde“ arbeitet, gibt es ebenfalls. Einige dieser Töpfereien werden in eigenen Artikeln vorgestellt.

Links: Die Keramik-Werkstatt von Udo Hirche in Sagar.
Rechts: Die Keramik-Scheune von Susanne Arlet in Rietschen.
Einige wichtige, meist leider nur noch antiquarisch erhältliche Bücher zum Thema werden in dem Abschnitt „Steinzeug literarisch“ genannt. Eine gute Adresse zum Erfragen von allen möglichen und unmöglichen Details zur hiesigen Töpferei ist das Handwerk- und Gewerbemuseum Sagar, in dem sich Frau Helga Heinze speziell damit beschäftigt. Der vorliegende Text wurde mit Hilfe ihres Manuskriptes zu diesem Thema erarbeitet, dessen Veröffentlichung derzeit vorbereitet wird ...
Literatur zur Lausitzer Keramik und dem Muskauer Steinzeug auf steinzeug.kulturpixel.de

(06.09.2011)
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