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Als deutscher (Steinzeug-) Töpfer in Japan

Zwei Berichte von Gordon Gran



gordon gran mein verkaufsstand in mashiko



JAPAN 2002/2003
ALS STIPENDIAT IN MASHIKO

Erwartungen

Seit meiner Töpferlehre studierte ich Bücher über japanische Keramik, deren Techniken und Design. Sie ist für mich der wichtigste Masstab im Vergleich mit meinen Arbeiten. Gebrauchstüchtigkeit, Materialgerechtigkeit und angemessene Preise, wie sie auch in der Mingei-Bewegung betont werden, sind meine Richtschnur bei der Herstellung und Kalkulation meiner Waren. Als Resultat dieses Entwicklungsprozesses festigte sich immer mehr der Wunsch, einmal in Japan bei einem Meister in einem traditionell strukturierten Betrieb lernen und Erfahrungen sammeln zu können. 1993, in einer Ausstellung der „Galerie Fred Jahn“ in München, lernte ich die Arbeiten des Meisters Shimaoka Tatsuzo kennen, der ein Anhänger der Mingei ist und dessen Werke mich so beeindruckten, dass ich mir als armer Schüler den 80 DM teuren Ausstellungskatalog mit allen Angaben zu seiner Person, seiner Philosophie, Arbeitsweise aber auch Ausbildungsrichtlinien kaufte. In ihm konnte ich erfahren, dass Meister Shimaoka auch ausländische Schüler für ein Jahr aufnimmt.

Seit dieser Zeit verstärkte sich mein Wunsch, nach Mashiko zu Meister Shimaoka zu gehen. Schwerpunkte seiner Arbeiten sind glasierte Keramiken im Mashikostil, Ascheanflugglasuren und salzglasierte Keramik, alle gebrannt in einem Noborigama, dem Ofentyp, den ich mir 1992 selber baute. Seine technische Ausgangsbasis und seine Produktpalette sind meinen Zielvorstellungen fast deckungsgleich, wenn auch meine Arbeiten nicht von gleicher Art und Perfektion der Ergebnisse. Also, dort zu lernen und zu arbeiten konnte für mich nur sehr fruchtbar und nützlich sein. Eigentlich das Nonplusultra für mich. Auch Mashiko mit 450 Töpfereien und knapp 100 Noborigamas in Benutzung war der beste Ausgangspunkt für Studien des Brandes dieses Ofentyps und Baus desselben.

Beginn in Mashiko

Auf der zur Karl-Duesberg-Gesellschaft eingereichten Liste mit Bewerbungsadressen japanischer Meister stand deshalb an erster Stelle auch die Addresse von Meister Shimaoka Tatzudso. Dank der erfolgreichen Hilfe der ncdg-Tokyo wurde es dann also wirklich wahr, und ich durfte ein Praktikum bei dem „ningenkokoho“ Shimaoka Tatsuzo beginnen. [Ningenkohoho = „Lebender Nationalschatz“; höchste Würdigung für einen Kunsthandwerker in Japan.]

Beim Vorstellungsgespräch brachte Herr Shimaoka zum Ausdruck, dass ich seine Werkstatt als Basis für eigene Erkundungen, Studien und Besichtigungen sehen sollte und kein Festangestellter oder Schüler im klassischen Sinne sei, sondern erheblich mehr Freiheiten habe als ein Angestellter. In der Zeit, die ich jedoch in seinem Betrieb arbeiten möchte, hätte ich mich an die dort verbindlichen Arbeitszeiten, Rangordnungen, Gegebenheiten, üblichen Praktiken und die Anweisungen der Ranghöheren zu halten. Was zum Beispiel auch hiess, die Anweisungen der anderen Schüler bedingungslos zu befolgen, auch wenn ich in Deutschland schon seit 10 Jahren als Meister tätig war. Damit hatte ich keine Schwierigkeiten, da ich mit allen Erfahrungen in dieser völlig anderen Welt gar nicht so besonders viel anfangen konnte. Also begann ich nach etwa einer Woche Aufenthalt in Mashiko mit großer Spannung mein Praktikum am Ort meiner Träume, bei Sensei Shimaoka Tatsuzo.

In der Werkstatt von Herrn Shimaoka arbeiteten zur Zeit meiner Ankunft der 74-jährige Vorarbeiter Fuko Jan, der Vorarbeiter Mizu Jan, zwei japanische Schüler, ein amerikanischer Schüler, Herrn Shimaokas Enkel als Schüler und eine chinesische Angestellte.

Der Empfang am ersten Arbeitstag war sehr kühl und förmlich, aber nicht unfreundlich. Inzwischen weiss ich, das im japanischen Berufsleben und am Arbeitsplatz eine etwas andere Höflichweit und Förmlichweit herrscht, als man in Deutschland gewöhnt ist. Es ist mir jetzt auch nicht mehr unangenehm, und gerade in Deutschland vermisse ich einige dieser Umgangsformen etwas. Ich denke, dass man anfangs mir gegenüber bestimmt auch etwas unsicher war, und auch zurecht: Wie wird er sich einfügen, was kann er, wie sollen wir uns mit ihm verständigen, wer soll sich um ihn kümmern? Lauter Fragen, die letztlich mehr Aufwand für alle Mitarbeiter bedeuteten, die ja meine Anwesenheit hinnehmen mussten.

Und doch begann der Tag so, wie ich es mir gewünscht hätte. Einerseits wollte ich ja gar nicht anders behandelt werden als ein japanischer Schüler, und andererseits durfte ich mir meine ersten eigenen japantypischen Handwerkszeuge aus Holz und Bambus selber bauen. Wie es sich für einen richtigen Töpferschüler gehört.

In den nächsten Wochen durfte ich gjunomis, Teebecher aus der laufenden Produktion, drehen und dabei erst einmal einiges Neue lernen; nicht nur im Bereich der Töpfertechniken, sondern auch über die Philosophie und Arbeitsweise in der Werkstatt Shimaoka. Arbeiten an der Fußtöpferscheibe, Drehen der Ware vom Stössel, Benutzung der Holzwerkzeuge im Gefäss, Vollendung durch Abdrehen, grober Steinzeugton, der eher unplastisch ist - das ist nur ein Bruchteil des Neulandes im technologischen Bereich. Das Umdenken im Bereich der Arbeitsphilosophie war noch etwas umfangreicher, langwieriger und anfangs vor allem unverständlich.

Ich musste zum Beispiel auch erst einmal begreifen, dass ich jetzt in einer Werkstatt arbeite, wo nicht Serienproduktion im eigentlichen Sinne, hohes Arbeitstempo und nur der Effektivität größte Bedeutung zukommen, sondern auch der Tradition, inneren Einstellung, Individualität und der Wirkungskraft des Materials. Ich habe in dieser Werkstatt eine grundsätzlich andere Einstellung zum Produkt erfahren, als ich sie aus verschiedenen Werkstätten Deutschlands und meiner eigenen kannte.

Es ist ein Arbeiten, dass meinen Vorstellungen vom Arbeiten einiger sehr guter Meister in Japan rein vom theoretischen Wissen her entsprach, und trotzdem dauerte es einige Zeit, bis ich im praktischen Arbeiten verinnerlichte, was es wirklich bedeutet, bewirkt, und welchen Wandel es in mir selbst hervorrief. Anfänglich schon in Japan, jetzt jedoch, wieder in Deutschland, merke ich, wie mich diese Art zu arbeiten und auf die Endprodukte zu schauen positiv beeinflusste und veränderte.

Arbeit in weiteren Werkstätten

Eine weitere Möglichkeit, andere Werkstätten und Töpfer kennenzulernen, eröffnete sich mir bei der Anfrage bei anderen Töpfern, ihre Noborigamaöfen bei Glasurbränden mitbrennen zu dürfen. Dieser Ofentyp ist, wie schon gesagt, mashikotypisch und entspricht meinem eigenen in Deutschland.

Dank der exponierten Lage der Werkstatt Shimaokas ist es wegen der aufsteigenden Rauchsäulen nicht zu übersehen, wenn im weiten Umfeld Mashikos einer der großen Öfen in Betrieb genommen wird, was mir nach einigen schnellen Erkundungen bei den Arbeitskollegen bald den Besitzer verriet und nach Telefonaten meist auch eine Mitarbeit beim Brand ermöglichte.

Auf diese Weise gelang es mir, bei Herrn Kawadjiri, Herrn Kitsawa und Herrn Takehiro ihre jeweils 4- bzw. 3-Kammeröfen mitzubrennen und somit doch die erstaunlich verschiedenen Brenntechniken mitzuerleben und teilweise sogar erläutert zu bekommen.

Bei Herrn Kitasawa bedeutete das sogar, dass ich rechtzeitig erschien, das Brennen in der Temperphase von sechs Uhr abends bis 24 Uhr allein zu feuern, was mich schon etwas überraschte und ehrte, und das nur nach der Frage: Du hast doch auch so einen Ofen, wie oft hast du den schon gebrannt? Es ist schon eine sehr verantwortungsvolle Beschäftigung, wenn man bedenkt, dass die gesamte Produktion von drei bis vier Monaten im Ofen steht, und dass die Aufheizphase (das Tempern) bis zum Erreichen von 800°-900°C geht und viele kritische Phasen in der Umwandlung des keramischen Scherbens in diesem Bereich stattfinden und man dabeit schon einige grosse Fehler machen kann. Aber es war sehr interessant, nach einer Einführung in seine Feuerungsmethode diese Arbeit ausführen und dabei lernen zu können.

So erfuhr ich zum Beispiel beim Brand bei Herrn Takehiro die Möglichkeiten der passiven Dämpfung des Ofenzuges durch Dämpfungsfeuern in der nachgeschalteten Kammer, was eine bessere Temperaturverteilung in der vorgelagerten Kammer bewirkte als einfaches regulieren des Zuges mit den passiven Dämpfern am Schornstein.

Auch lernte ich einen viel gelasseneren Umgang mit dem Schwerpunkt Temperaturmessung beim Brand. Einige Töpfer in Japan messen die Momentantemperatur überhaupt nicht. Sie können die Temperatur dank ihrer Erfahrungen einschätzen, legen aber gar keinen gesteigerten Wert auf dieses Wissen und erreichen die Endtemperatur durch stetiges rhythmisches Nachlegen und Beobachten der Konzentration der Abgase und überprüfen stattdessen die Glasurschmelze der Keramik anhand von Ziehproben.

Imari

Schon während meines Praktikums in den Sommerferien der Sprachschule in Fukuoka in Imari hatte ich die Möglichkeit, an zwei Bränden von zwei sehr unterschiedlichen Noborigamas teilzunehmen und mitzuarbeiten. Die Erfahrungen, die ich dabei sammeln konnte, waren genau das, warum ich schon immer nach Japan wollte. Gerade durch die auf den ersten Blick vielleicht primitive Arbeit des Holztragens hatte ich die Möglichkeit zu erleben, welche Ofenatmosphäre herrscht und wie viel Holz bei welchem Heizrhythmus und Ofentyp verbraucht wird. Dies ist ausschlaggebend für die Glasurfarben und gibt Auskunft über die Effektivität des Ofentyps.

Brennofenstudien

Eine weitere Möglichkeit, mein Wissen über Brennöfen zu erweitern, war das Sammeln von Maßen und Proportionen alter Öfen in Mashiko. Wo sonst hat man die Möglichkeit, eine solche Ansammlung von Öfen vermessen und auswerten zu können? Nach Absprache mit Herrn Shimaoka, der diese Arbeit sehr gut fand, bekam ich so viele freie Tage, wie ich brauchte, um alte Öfen ausmessen zu können. So begann ich diese Arbeit mit dem Ermitteln der Proportionen der beiden Öfen des Herrn Hamada Shoji im Referenzmuseum in Mashiko, des weiteren eines Ofens im Keramikmuseum und des grössten erhaltenen Ofens einer alteingesessenen Töpferei der Stadt.

Diese Arbeit war zwar sehr mühevoll, aber eine bessere Möglichkeit ergab sich nicht. Aber sie war teilweise auch sehr lustig, so zum Beispiel, als ich auf dem Museumsgelände in der ersten Brennkammer durch ein sehr kleines Feuerloch gekrochen war und nach längerem Vermessen und Zeichnen beim Verlassen des Ofens eine ältere Reinigungskraft, die mich den Ofen nicht hatte betreten sehen, fast zu Tode erschreckte. Ich glaube, sie hielt mich für einen Ofengeist.

Ofenbaupraktikum bei Sensei Tamaki

Den krönenden Abschluss dieser Bemühungen bildete jedoch die Möglichkeit, von Januar bis April den Bau eines neuen Noborigamas durch Mashikos besten Ofenbaumeister, Herrn Tamaki, beobachten zu können.

Als ich ein neu errichtetes Ofendach in unmittelbarer Nachbarschaft wahrnahm, schlug mein Herz damals bis zum Hals, und ich fragte mich, ob es möglich wäre vielleicht sogar am Bau eines neuen Ofens mitarbeiten zu können. Mit freundlicher Unterstützung meiner Mitschülerin Kassahara erfuhr ich dann, wer den Ofen wann bauen würde und für wen. Besonderen Dank schulde ich hier auch wieder der Werkstatt Shimaoka, durch deren Vermittlung ich dem zukünftigen Ofenbesitzer und dem Baumeister vorgestellt wurde. Und ich sollte sogar mithelfen dürfen, und zwar fast vier Monate lang beim kompletten Bau meines Traumofens ab Januar.

Noborigama-Glattbrand bei Shimaoka

Zuvor jedoch bildete der Brand des Ofens von Herrn Shimaoka einen weiteren Höhepunkt. Dieser Ofen, der speziell für die Wünsche und Ansprüche Shimaokas errichtet wurde, interessierte mich besonders. Herr Shimaoka arbeitet im groben mit fünf verschiedenen Dekor-, Glasur- und somit Brenntechniken:
Ascheanflugglasuren,
Reduktionseffekten auf unglasiertem Scherben,
Reduktionsglasuren,
neutralen Glasuren,
und salzglasierten Stücken.
Diese grundsätzlich sehr verschiedenen Effekte bei einem Brand in einem Ofen zu erzeugen, erfordert eine besondere Kombination der einzelnen Kammern, Brenntechniken und Glasuren, was sehr anspruchsvoll ist; eigentlich das anspruchsvollste Brennen mit einem Holzofen, das ich je kennengelernt und erfahren habe.

Die Vorbereitungen zu einem Brand dieser Kategorie dauern etwa zwei bis drei Wochen und stehen unter der Leitung des ältesten Vorarbeiters, der es sich trotz seiner 74 Jahre nicht nehmen lässt, in einer sehr anstrengenden Körperhaltung in dem engen Ofen die Ware mit einzulegen. Mir kam das sehr entgegen, ihn bei der Arbeit beobachten zu können. Er erlernte das Handwerk seit seinem sechsten Lebensjahr, wie auch sein jetziger Meister Shimaoka Tadzudso, in der Werkstatt des Hamada Schoji und wechselte dann später in die Werkstatt Shimaoka. Mehr Erfahrung, als sich dieser Mann in den besten Werkstätten erworben hat, kann man fast nicht erwerben. Also schaute ich ihm schon sehr gern auf die Finger.

Der eigentliche Brand erfolgt über die Dauer von drei Tagen und zwei Nächten, dabei teilen sich neun Leute in zwei Gruppen auf, die dann in einem Schichtrhythmus den Ofen heizen. Welche Erfahrungen und Eindrücke ich in meinem Team bei diesem Brand im einzelnen gesammelt habe, lässt sich nicht genau sagen. Es ist jedoch eine Tatsache, dass ich mir zum Lernen nicht mehr wünschen konnte, als das mitzuerleben. Was mir im Vergleich zu Deutschland jedoch am meisten aufgefallen ist, war die Arbeit in der Gruppe, oder dem „Team“. Auch mir als Aussenstehendem wurde das Gefühl gegeben, dazu zu gehören, was sehr schön war. Die handwerklichen Details würden den Rahmen dieses Berichts sprengen, und ausserdem sind sie verständlicherweise auch Betriebsgeheimnisse und gehören nicht ins Internet.

Den gesamten Februar 2003 hatte ich die Möglichkeit erhalten, in der Werkstatt des Shimaoka-Schülers Mijadjima in Motegi zu arbeiten und zu lernen. Dieser Meister hat sich auf bestimmte Ritzdekore in sehr aufwendiger Handarbeit spezialisiert, seine Frau ist eine Amerikanerin, die ebenfalls in Mashiko das Keramikerhandwerk erlernt hat.

Für mich war dieser Monat auch in sportlicher Hinsicht sehr hart, da ich jeden Morgen und jeden Feierabend mit dem Fahrrad die 15 km über zwei kleinere Hügelketten zurücklegen musste. Es ist mir aber auf Dauer sehr gut bekommen und brachte immer viel Mitleidsrufe bei meinen Freunden ein.

In der Werkstatt von Herrn Mijadjima und Herrn Shimaoka erhielt ich jeweils einen Monat die Gelegenheit, Keramik nach meinen Wünschen und Vorstellungen für mich selbst herzustellen, in Techniken, die mich besonders interessieren und die ich mir vielleicht einmal aneignen möchte. Das war das Optimum für mein Lernen, denn ohne in einen richtigen Arbeitsalltag eingebunden zu sein, konnte ich mich nun während meiner Zeit an der Töpferscheibe auf das konzentrieren, was mich am meisten interessierte.

So probierte ich zum Beispiel verschiedene Möglichkeiten der Hakeme-Engobetechniken aus, arbeitete mit verschiedenen Wachsabdecktechniken, arbeitete im baukeramischen Bereich mit selbstgebauten Holzmodeln eckige Schalen und Flaschen, die dann auch das nächste Mal im Noborigama mitgebrannt werden sollten. Aus diesem Zusammenhang heraus ergab sich günstigerweise die Möglichkeit, die so entstandenen Dinge nach Absprache mit Herrn Shimaoka eventuell an einem eigenen Verkaufsstand anzubieten.

Dabei ging es mir in erster Linie nicht darum, Geld zu verdienen, sondern um die Tatsache, im „Land der Keramik“ meine eigenen Produkte anzubieten und die Reaktionen eines im Vergleich zu Deutschland mehr fachkundigen Publikums zu beobachten. Das war für mich insofern wichtig und ein guter Vergleich, da ich in Deutschland seit 10 Jahren jedes Wochenende auf Töpfermärkte fahre und immer ein unmittelbares Echo auf meine Produkte habe. Ein positives Echo von japanischen Kunden zu bekommen, war lehrreich und für mein Selbstbewusstsein sehr wichtig.

Standbau

Eine Bekannte von mir, kennengelernt im Freundeskreis meiner Arbeitskollegin, ist Eigentümerin eines Galeriecafes an Mashikos bester Ladenstrasse, wo es beinahe ausschliesslich Keramikläden gibt. Sie räumte mir die Möglichkeit ein, mit einem eigenen Stand auf der überdachten Aussenterrasse an den Wochenenden des Monats März meine Keramik anzubieten. Mit Hilfe von grünem Bambus aus einem Wäldchen Herrn Shimaokas, Seilen aus Reisstroh, einer Säge, und einem Messer baute ich mir also zwei zweigeschossige Regaltische. Es war schon immer ein Traum, einmal mit diesem genialen Material bauen zu dürfen, es machte riesigen Spass, und die einzigen „Öko-Tische“ Mashikos machten beim Publikum einen guten Eindruck.

Marktforschung

Das Resümee, das ich für mich aus diesen Wochenenden ziehen konnte, ist unter anderem, dass das japanische Publikum doch etwas mehr Interesse aufbringt, eher bereit ist, notwendigen Mehraufwand handgearbeiteter Keramik auch zu bezahlen, Handwerk in traditionellem Stil mehr schätzt und ein ganz besonders höfliches und freundliches Käuferpublikum ist. Oft ist auch bemerkbar, dass sie sich über Keramik und ihre Herstellung kundig gemacht haben. Ihre Höflichkeit verbietet es ihnen z.B., sich über Ware, die ihnen nicht gefällt, sichtlich lustig zu machen oder Preise in der Öffentlichkeit als zu hoch zu bezeichnen, nur weil sie nicht ihrem persönlichen Geldbeutel entsprechen. Das alles macht den Umgang mit ihnen sehr angenehm. Auch wenn bei weitem nicht alle Verkaufsgespräche erfolgreich verliefen, hat es mir immer sehr viel Freude bereitet, Umgang mit japanischen Kunden zu haben.

Deshalb habe ich auch oft über einen Neuanfang als selbständiger Keramiker in Japan nachgedacht. Aber bei allen Überlegungen bin ich doch zu dem Schluss gekommen, dass es zwar weitaus interessanter wäre, die Aufstiegsmöglichkeiten vielleicht auch besser wären, aber alles doch wesentlich komplizierter und aufwendiger werden würde, als auf einem bekannten Terrain wie Deutschland. Ohne perfekte Sprache würde das Leben in Japan auf lange Sicht sehr kompliziert, der „Exotenbonus“ verfliegt auch irgendwann, eine weitgehende Anpassung an Sitten und Gebräuche, schon aus Achtung vor dem Gegenüber, wären unerlässlich, und gar der Gedanke an eine Steuererklärung in Japanisch oder Englisch treibt mir dicke Schweissperlen auf die Stirn.



MARKT DER SUPERLATIVE
MASHIKO 2005
Erfahrungsbericht eines Teilnehmers
Von Gordon Gran

Es ist 00.15 Uhr. Ein lautes, langanhaltendes Donnergrollen ist zu hören. Davon erwache ich und werde nun kurz, aber heftig in meinem Bett hin und her geschüttelt. Als ich mich aufsetze, spüre ich die Wellen des kleinen Erdbebens sanft ausschwingen. „Ob meine Töpfe noch alle im Regal stehen?“ frage ich mich im Halbschlaf. Doch bevor ich wieder einschlafe fällt mir ein, dass der Töpfermarkt ja schon vorbei ist.
Die Vorstellung, was ein kleines Erdbeben auf einem Töpfermarkt mit etwa 500 Marktständen und etwa 400 Keramikläden alles anrichten könnte, ist ziemlich gruselig, selbst wenn dabei keine Menschen zu Schaden kommen würden …
Aber es ist ja alles gut gegangen.
Die großen Reisebusse aus Tokyo, Yokohama, Utzunomia und Wer-weiß-woher haben ihre wimmelnden Insassen, schwer beladen mit Einkaufstüten voller Keramik, wieder sicher nach Hause gebracht. Die vielen Großparkplätze am Rande und im Zentrum von Mashiko sind wieder leer, und nur ein paar versprengte Kunden schauen den letzten Töpfern beim Abbauen ihrer Verkaufstände zu – ob es jetzt vielleicht was billiger gibt?!
10 Tage hat der Töpfer Zeit, seine Keramik an den „Okiakusamma“ (Kunden) zu bringen.
Ein freundliches „Irashaimase“ zur Begrüßung am Stand muss schon kommen, damit der Kaufinteressierte hört, dass man ein wenig Japanisch sprechen kann und er nicht sein verstaubtes Englisch ausgraben muss. Sonst macht der „japanische Kunde“ lieber gleich einen Bogen um den Stand des „Ausländers“.
Auf etwa 900 Keramiker kamen dieses Jahr etwa 500.000 (in Worten: fünfhunderttausend!) Besucher – was wirklich auch Kunden bedeutet, denn ich habe eigentlich niemanden gesehen, der nichts gekauft hat, auch wenn es vielleicht nur ein Sakebecher war.
Der Markt verteilt sich über die gesamte Hauptstraße und alle abzweigenden Nebenstraßen sowie angrenzenden Parkplätze, Grundstückseinfahrten, öffentlichen Treppen und geöffneten Garagen.
Es gibt leider keinen Platz, von dem aus man das gesamte Gelände überblicken kann. Aber die Stadt druckt jährlich Pläne aus, damit man die Möglichkeit hat, alle Stände zu finden und anzuschauen. Sofern das überhaupt möglich ist – oder bei welcher Hüttenanzahl stößt Ihre Aufnahmefähigkeit an ihre Grenzen?
Die Ausmaße dieses Marktes haben aber auch ihre Schattenseiten. So ist die Stadt verkehrstechnisch schon am Morgen sehr schnell überlastet, trotz vieler ehrenamtlicher Hilfspolizisten und zusätzlicher Parkplätze, wo man für die Parkgebühr oft auch noch eine Tasse Kaffee erhält. So kommt dann bald der Punkt, an dem nur noch ein Auto in die Stadt gelangt, wenn ein anderes sie verlässt.
Trotz dieses Ansturmes lassen aber auch hier die Umsätze pro Verkäufer nach. Kennen wir das nicht auch aus Deutschland?
Da der Markt sich in viele kleine und große Plätze gliedert, herrscht auch überall eine unterschiedliche Stimmung und Verkaufsatmosphäre.
Hier ist ein riesiger Platz mit fast 300 Ständen, viel Gedränge und wenig Muße zum Schauen, auch das Angebot ist eher durchschnittlich. Dagegen hat man in einem kleinen Hinterhof mit nur 20 – aber ausgesuchten – Töpfern etwas zu bestaunen und kann sich Zeit zum Verweilen nehmen.
Den größten Teil der Stände belegen Keramiker aus Mashiko und Umgebung, den weitaus kleineren Teil bilden Töpfer aus dem etwas weiteren Japan, vielleicht 10 Keramiker sind in Japan lebende Australier, Engländer, Portugiesen und Amerikaner.
Extra aus dem Ausland eingeflogen war nur einer ... Deshalb wurde ich auch manchmal auf nette Art für verrückt erklärt.

(06.10.2009. Erschienen in: KeramikMagazin/ CeramicsMagazine. 28. Jahrgang, Nr. 3/2006. Frechen: Ritterbach Verlag 2006.)


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