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Liebeserklärung an das Töpferhandwerk

Aus dem Oberlausitzer Hausbuch

Von Miriam Schönbach

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von Kathrin Najorka


Die blonde Strähne fällt ihr immer wieder ins Gesicht. Dort bleiben die Haare unbeachtet, während Kathrin Najorka fast liebevoll ihre Hände auf den feuchten, bräunlichen Ton legt. Mit aller Gleichmäßigkeit dreht auf der Töpferscheibe die Schale ihre Runden. Der laute Elektromotor durchdringt unablässig die Stille in der Werkstatt in Krauschwitz am Waldrand. Bei aller Kraft, er schafft es nicht, das Gezwitscher der Vögel zu überstimmen. Die tonverschmierten Finger streichen die Strähne aus dem Gesicht. Auf den Tischen und Regalen reihen sich Topf an Topf, Krug an Krug, Tasse an Tasse dicht aneinander. Die Einrichtung wirkt bis auf einige Extras, wie das tonverschmierte Telefon, wie aus einer anderen Zeit.

„Diese Werkstatt hat vor über hundert Jahren mein Ururgroßvater Mattheus Najorka gegründet. Heute führen wir sie in der fünften Generation.“ Der Urahne findet in dem kleinen Dorf gleich hinter Weißwasser 1896 die optimalen Ausgangsbedingungen für sein Handwerk. Ton, Holz, Braunkohle und Quarzsand kann er zur Herstellung von Dach- und Ziegelsteinen verwenden. Bis zum Ersten Weltkrieg floriert das Geschäft, dann geht die Braunkohle langsam zu Ende. Übrig bleibt der Ton, auf dem das Dorf immer noch steht.

Wieder beugt sich Kathrin Najorka über ihre Arbeit. Mit Hilfe der Abdrehschlinge entfernt die 48-Jährige konzentriert die überflüssigen Kanten an den Schalen, geschmeidig glättet sie mit den benetzten Händen den Ton. Vorsichtig hebt sie dann das fertige Teil von der Scheibe und angelt sich schon die nächste Schüssel. „Beim Töpfern muß man seine Mitte finden. Es ist ein Beruf, den man nicht erlernen kann, sondern erspüren muß. Man muß den Ton fühlen und erfühlen, was man tut“, sagt die Töpfermeisterin.


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Zur Töpferei wird die ehemalige Ziegelei nach dem Zweiten Weltkrieg. Während der Großvater Richard noch in Kriegsgefangenschaft ist, verpachten die Frauen die Werkstatt 1946 an einen Töpfer aus Bad Muskau. Zehn Jahre später, nach dem Ende des Vertrages, kehrt sie in den Familienbesitz zurück. Großvater und Vater Hans-Joachim Najorka kümmern sich beide um die Produktion. Hauptsächlich stellen sie gemeinsam mit ihrem Mitarbeiter, dem Töpfer Erich Hentschel, Blumentöpfe und Vasen für die DDR-Großhandelsgesellschaft her. Auch Betriebe zählen zu den Kunden. Sie bestellen für ihre Jubiläen oft schon zwei Jahre vorher die begehrte Keramik. Nur wenig ihrer gedrehten Waren bleiben in Krauschwitz und der Umgebung.

Kathrin Najorka steht von ihrem Arbeitsplatz auf, greift nach einem Stift und beginnt, mit ein paar Strichen ihre bekannten Gesichter auf den Platten zu verewigen. In dem traditionellen Handwerksbetrieb am Krauschwitzer Waldweg wird sie 1959 geboren. Ihr folgen zwei Schwestern, aber für die Älteste steht von Anfang an fest, daß sie die Töpferei später übernehmen muß – trotz aller Schwierigkeiten.

Schließlich kann das Drei-Generationen-Haus vom Töpfemachen alleine nicht mehr leben. Zum ganz normalen Alltag gehört es, neben der Arbeit in der Werkstatt Felder zu bestellen, ein paar Tiere zu halten und die Wiesen zu mähen. „Es gab von früh bis spät immer etwas zu tun. Die Kinder halfen von Anfang an mit. Spielereien hatten keinen Platz“, denkt die zweifache Mutter zurück. In Erinnerung ist der Töpfermeisterin auch das Brennen in dem alten „Kasseler Ofen“.

Darin fertigte schon der Urgroßvater Ziegel, die nächste Generation mauerte Mitte der fünfziger Jahre die längliche Brennkammer neu aus und brannte dort Woche für Woche im hinteren Drittel des Ofens Blumentöpfe und im vorderen Bereich die Vasen. Die Prozedur dauerte für das Vorheizen und das Brennen zwei Tage und weitere zwei Tage für das Auskühlen und Ausräumen. Dann begann die Arbeit wieder von Neuem. Sechs Tonnen Kohle wurden für einen Brand benötigt. „In den letzten Jahren wurde sie so sandig, daß mein Vater mehr Asche entsorgte, als er Kohle hineinschaufelte. Damals wollte ich diese Tätigkeiten aufgrund der großen Schwierigkeiten niemals wieder machen.“

Diese körperlich schwere Arbeit bleibt dem Nachwuchs vorerst auch erspart. Nach zehn Jahren Wartezeit kommen 1976 endlich die bestellten Elektroöfen in die Töpferei, ein paar Jahre noch wird das Ofen-Urgestein drei- bis viermal im Jahr angefeuert. Dann fällt es in einen Dornröschenschlaf. In dieser Zeit hat Kathrin Najorka längst die Liebe zu ihrer Profession entdeckt. Erstmals sitzt sie in der neunten Klasse bei einem Praktikum an der Töpferscheibe – in der Töpferei von Karl Louis Lehmann in Neukirch. Die ersten Grundregeln des Handwerks beherrscht sie schnell. Schon nach einer Woche entstehen unter ihren Händen Zylinder, mit 16 Jahren beginnt sie ihre Lehre in Neukirch, die Meisterausbildung schließt sie an.

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Unverhofft stirbt ihr Vater 1986. Von einem Tag auf den anderen liegt die Verantwortung für die Familie auf den Schultern der 28-jährigen jungen Frau. Bei dieser neuen Aufgabe begleitet sie der Großvater auf Schritt und Tritt, hilft in der Töpferei und gibt Ratschläge. Doch nicht nur Drehen, Glasieren und Brennen müssen erledigt werden. „Die körperlich schwerste Tätigkeit ist die Aufbereitung des Tons aus der eigenen Grube“, sagt Kathrin Najorka und geht in den Nebenraum. Dort liegt Feuchtigkeit in der Luft. Die Töpferei Najorka ist einer der letzten Handwerksbetriebe, der den Rohstoff in der Grube selber abbaut und bis zum fertigen Ton selber zubereitet. In einem großen verschlossenen Bottich ruht das Tongemisch. Zwei Drittel sind aus Krauschwitzer Vorkommen, ein Drittel aus dem Frohsdorfer Tagebau in Sachsen-Anhalt. [Richtig: Frohnsdorf in Thüringen.]

Ein großes Rührwerk macht die Masse mit der Zugabe von Wasser geschmeidig, bis sie so dick wie Buttermilch ist. Nach einer bestimmten Ruhezeit läuft der flüssige Ton durch ein Sieb in einen weiteren Behälter. Von dort wird die Flüssigkeit mit Hilfe einer weiteren Pumpe in große Filter gedrückt, das Wasser läuft durch die feinen Tücher ab. Im Tonschneider – eine Riesenpresse – werden die so entstandenen, noch feuchten Tonscheiben fest zusammengedrückt. Nach dieser Prozedur wiegen die trockenen Platten 25 Kilogramm und werden bis zur Weiterverarbeitung in Frischhaltefolie verpackt.

Den Ton bereitet Kathrin Najorka gemeinsam mit ihrer Schwester Antje auf. „Wir freuen uns über jeden starken Mann, der uns dabei unter die Arme greift. Manchmal fragen wir auch einen Kunden aus dem Laden.“ Durch die vielen Arbeitsschritte wird aus dem unscheinbaren Tongemisch ein besonderer Steinzeugton, der sich sehr gut drehen läßt. Seele und Herz haucht die Fachfrau dem braungrauen Klumpen dann bei der Arbeit ein. Jede Tasse wird gedreht, als habe sie Kopf, Bauch, Füße und Arme. Es ist eine Liebeserklärung an ihren Beruf. Ihre Zuneigung begleitet Kathrin Najorka in guten wie in schlechten Tagen. „Nach der Wende mußte ich ganz von vorn anfangen, mir neue Vermarktungswege erschließen.“ Im August 1990 stellte sie sich erstmals mit ihren Töpfen auf den Markt in Weißwasser. Ein bißchen kommt sie sich vor wie die Prinzessin in „König Drosselbart“.

Die ersten zaghaften Versuche, ihre Ware unter die Leute zu bringen, gehen weiter mit dem roten Wartburg und einer Verkaufsausstellung in Hamburg. Diese Kunden haben völlig andere Wünsche als in der abgeschiedenen Oberlausitz. Die Töpferin stellt ihr Sortiment komplett um. Das Lehrgeld legt sie gut an. Längst steht die Krauschwitzerin mit ihrem irdenen Geschirr auf dreißig unterschiedlichen Märkten in Deutschland, Frankreich und Italien. Vor den „vorbeireitenden Husaren“ ängstigt sie sich schon lange nicht mehr. Die ganz einfachen und schlichten Formen haben es Kathrin Najorka angetan. Bestens bekannt sind ihre Töpfe mit den grünen und blauen Lehmglasuren und einem kleinen Motiv. Doch zwischenzeitlich ist zu den Rennern ein neues Design dazu gekommen. Seit Februar 2001 brennt der Sproß aus der Krauschwitzer Töpferfamilie wieder mit dem mehr als 100 Jahre alten „Kasseler Ofen“. „Zwanzig Jahre stand er still, dann habe ich ihn mit befreundeten Töpfern wieder zum Leben erweckt.“ Einen funktionierenden Ofen dieser Art gibt es höchstwahrscheinlich nur noch ein weiteres Mal in Deutschland.


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Als erstes müssen für den sieben Meter langen Koloß aus Ziegeln mit einem Rauminhalt von 16 Kubikmetern genügend Tonwaren gedreht werden. Der Ofen wird komplett von oben bis unten und hinten bis vorn ganz dicht an dicht ausgefüllt, weil die Flamme direkt hindurch geht. Oft wird der Apparatur so die Arbeit von vielen Wochen und Monaten anvertraut. Insgesamt wird der Ofen zwei- bis dreimal pro Jahr gemeinsam mit Kollegen befüllt, meistens in der Winterzeit. In ihm wird Steinzeug mit Salzglasur vierzig Stunden gebrannt. Doch bis es so weit und wirklich jede Lücke im Riesen genutzt ist, wird mit aus drei Meter langen in kurze Stücke zerspalteten Kiefernstämmen bereits angefeuert, insgesamt 30 Raummeter Holz. Zwei Tage dauert es, bis die Brenntemperatur von 1.300 Grad erreicht ist. Jetzt beginnen die Flammen und die fliegende Asche die charakteristischen Spuren auf den Gefäßen zu hinterlassen. Mindestens zehn Stunden muß die hohe Temperatur um 1.360 Grad erhalten bleiben. „In den letzten Minuten des Brandes kann man einmal komplett durch den ganzen Ofen schauen. Binnen kürzester Zeit verwandelt sich die weiße Glut dann in ein sattes Ocker.“

Mehr als zwanzig Mal loderte das Feuer inzwischen in dem Holzbrandofen. Von den Ergebnissen des ersten Versuchs erzählt die Töpferin nicht viel, nur, daß nach vier Wochen das Experiment wiederholt wurde. Die jeweiligen Fabrikate des Spezialbrandes sind neben den Najorkaschen Klassikern in dem Laden direkt an der Töpferei zu bewundern. Da ist jedes Stück ein Unikat, jedes Exemplar fasziniert durch eine andere Farb- und Formgebung. Mancher Topf ist darunter, den die Töpferin nach dem Brennen auch erst wieder lieb gewinnen mußte. Aber alle sind sie auf ihre ganz besondere Art und Weise schön.

(02.07.2011. Der Artikel von Miriam Schönbach erschien im Oberlausitzer Hausbuch 2009, Lusatia Verlag, Bautzen; S. 132-134.)


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