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Die klugen Köpfe der DTS A.-G. (2)

Nikolaus B. Jungeblut (1859-1938) - der Vater der DTS

Texte und Bilder von Holger Klein
Webseite: Bernd-Ingo Friedrich


Nikolaus Bernhard Jungeblut kam am 24. Juni 1859 in Leer/ Ostfriesland als einziger Sohn des Schiffsreeders Andreas Jungeblut und seiner Ehefrau Anna Maria, geborene Nuttmann, zur Welt. Als Partenreeder hatte sein Vater Anteile an 21 Handelsschiffen. Die ersten Jahre verliefen für ihn wie die vieler gut betuchter bürgerlicher Kinder: Besuch der Volksschule und des Gymnasiums, dem schloß sich eine Ausbildung an der Handelsschule in Hull/ England an. Nach Beendigung der Militärzeit in Kassel ging Jungeblut einundzwanzigjährig als Korrespondent für Fremdsprachen zur Königlich Niederländischen Dampfschiffahrtsgesellschaft nach Holland. Seine außerordentliche Begabung für Fremdsprachen und sein Organisationstalent ließen ihn dort bald zum Leiter der Passageabteilung aufsteigen.


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Ansicht von St. Paul Ende des 19.Jahrhunderts


Einige Zeit später übernahm Jungeblut die europäische Vertretung der „Chicago and Milwaukee and St. Paul Eisenbahn“ sowie der „Delaware Lackawanna and Western Railroad“ mit Sitzen in Amsterdam und Liverpool. 1886 wurde er als Vertrauensmann eines holländischen Konsortiums in die USA geschickt, wo er sich zunächst in Chicago (Illinois) und nach einem Jahr in St. Paul (Minnesota) niederließ. Er betätigte sich dort bis zum Jahre 1897 teilweise auf dem Kolonisationsgebiet, teilweise als Getreidehändler; kaufte und spekulierte mit Grundstücken für europäische Einwanderer. Dabei stieß er immer wieder auf Probleme bei der Beschaffung von geeigneten Baumaterialien für den Bau neuer Wohnhäuser für Neuankömmlinge. So gründete er 1890 zusammen mit dem Keramik-Fachmann Theodor Fritz Koch, einem Holländer mit deutscher Ehefrau, der schon 1888 in St. Paul Fuß gefaßt hatte, die „Twin City Brick Co.“. Diese entwickelte sich auf Grund ihrer günstigen Produktionsbedingungen und der guten Qualität ihrer Erzeugnisse bald zum größten Werk der Ziegeleibranche im Staate Minnesota. Damit hatte Jungeblut seine erste Berührung mit der keramischen Industrie, in der er für den weiteren Teil seines Lebens ständig tätig blieb.


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Links: Nikolaus B. Jungeblut um 1890
Rechts: Gertrud Kypke aus Muskau um 1890


1890 kehrte Jungeblut besuchsweise nach Deutschland zurück. Wie er dabei in das verschlafene schlesische Städtchen Muskau kam, ist nicht überliefert; man kann aber annehmen, daß ihn als einen Geschäftsmann, der immer auf der Suche nach neuen Impulsen für sein Werk in den USA war, die im Aufbruch befindliche Tonindustrie in der Lausitz interessierte. Man kann sich außerdem gut vorstellen, daß der Aufenthalt eines erfolgreichen Geschäftsmannes aus den USA in solch einer kleinen Stadt für besondere Aufregung sorgte ... Beim Besuch der erst in den 80er Jahren durch August Kypke errichteten und unter dem Namen des Gründers von dessen Sohn weiter geführten Tonwarenfabrik lernte er die gerade 19jährige Schwester Max Kypkes kennen und verliebte sich in sie. Jungeblut, ein Mann der Tat, blieb, und am 18. Februar 1892 heiratete das Paar in der Stadtkirche zu Muskau. Im selben Jahre zog es nach St. Paul in den USA um, und ein Jahr später wurde ihre Tochter Marion geboren. Als Nicolaus’ Vater in Leer starb, fuhr er im Juli 1894 mit dem Schiff nach Europa zurück. Im selben Jahr finden wir auch seine Frau Gertrud mit der erst sechs Monate alten Tochter Marion in einer Passagierliste und vier Monate später dann auch wieder auf der Rückreise. 1897 wurde das zweite Kind, Sohn Claus, in St. Paul geboren. Er wurde nach dem 2. Weltkrieg in New York ein berühmter Arzt. Gertrud fiel es allerdings sehr schwer, in der neuen Heimat Fuß zu fassen. Weit weg von der Familie und Freunden plagte sie das Heimweh mehr, als sie es sich vielleicht vorgestellt hatte. Nicolaus Jungeblut ein überaus herzlicher und liebevoller Ehemann und Familienvater merkte wohl, daß sie in den USA nicht glücklich werden würden. So entschlossen sie sich, nach Deutschland zurück zu kehren. 1899 verkaufte er seine Anteile an der „Twin City Brick Co.“ in den USA und trat nun bei seinem Schwager Max Kypke in die Muskauer Firma ein. Die junge Familie wohnte standesgemäß in der Villa Blütchen in der Bahnhofstraße.


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Ein Liniendampfer nach Amerika


Nikolaus Jungeblut bedeutete für das Muskauer Werk den Beginn eines neuen Entwicklungsabschnitts. Er beteiligte sich mit 250 000, - Mark an der Firma seines Schwagers, so daß erst einmal die nötigen Mittel für eine Weiterentwicklung zur Verfügung standen. Vor allem aber kam mit Jungeblut ein Mann in die Firma, der über ein ausgesprochenes Organisationstalent verfügte und unternehmerische Initiative besaß. Er verstand es gut, mit den Arbeitern der Fabrik umzugehen und bewies in den kommenden Jahren eine sehr soziale Einstellung.

Nachdem er sich in kurzer Zeit in das neue Arbeitsgebiet eingearbeitet hatte, machte sich Jungeblut an drei Aufgaben, die die Entwicklung des Werkes vorantreiben sollten:
- die Ausdehnung der Produktion von chemischem Steinzeug,
- die Ausgliederung der Steinzeugrohrproduktion durch Bau einer neuen Steinzeugrohrfabrik und
- die Verbesserung der Absatzverhältnisse auf dem Geschirrsektor.
Letztere erzielte er in Muskau und Umgebung durch die Gründung eines regionalen Kartells, die „Verkaufsvereinigung der Oberlausitzer Tonwarenfabriken“; eine von zahlreichen Verkaufs- und Preisabsprachen in dieser Branche, die auf seine Initiative zurückzuführen ist.

Jungeblut hatte bald erkannt, daß für die Zukunft des Muskauer Betriebes nicht mehr die Geschirrfabrikation, sondern die Herstellung von chemischem Steinzeug entscheidend sein würde. Die mengen- und wertmäßige Bedeutung der Nachfrage nach keramischen Produkten für die industrielle Verwendung war Ende der neunziger Jahre so deutlich geworden, daß Jungeblut klar wurde, daß nur auf diesem Wege der Aufstieg von einem Töpferbetrieb zu einem wirklichen Industriebetrieb zu erreichen war. Daher galt seine Aufmerksamkeit besonders der Ausdehnung dieses Produktionszweiges.


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Links: Hochzeit der Tochter Marion mit dem Arzt Dr. Hermann Drews 1914 in Berlin
Nikolaus B. Jungeblut war eine stattliche Erscheinung und auf Gruppenbildern immer der Größte
Rechts: Bei einem Spaziergang am Wannsee


Als im Jahre 1899 die Tonwarenfabrik „Ernst March, Söhne, Charlottenburg“, ein Werk das ebenfalls sehr erfolgreich technisches Steinzeug herstellte, durch einen Brand arg in Mitleidenschaft gezogen wurde, reagierte Jungeblut außergewöhnlich. Anstatt die Situation auszunutzen, bot er seinem Konkurrenten Albert March Hilfe an. Als March sich 1900 in Muskau aufhielt, um für seine Firma neue Tongruben zu erwerben, traf er sich auch mit Jungeblut. Die beiden Männer merkten schnell, daß ihre Interessen und Absichten die gleichen waren, nämlich der Ausbau der Produktion von Steinzeugwaren für die chemische Industrie. Da March auch Standortprobleme mit seiner Charlottenburger Fabrik hatte – die bei der Gründung 1836 außerhalb der Stadt auf einem Feld gelegene Fabrik stand mittlerweile mitten im Villenviertel Tiergarten – nutzte er gern die Möglichkeit, mit den Muskauern zusammenzugehen und, auf längere Zeit gesehen, seine Produktion gänzlich in die Provinz verlegen zu können. So kam es bereits im selben Jahr zur Gründung der Firma „Ernst March, Söhne – Zweigniederlassung Muskau, Oberlausitz“. Die Muskauer Anlagen wurden komplett auf die Erzeugung von chemischem Steinzeug umgestellt. In kürzester Zeit wurde bis nach Russland, Frankreich und in die USA exportiert.

Der enorme Erfolg, der sich durch die Fusion beider Werke bald einstellte, blieb in der Branche nicht unbeachtet. Ludwig Rohrmann, der Besitzer der Krauschwitzer Tonwarenfabrik für chemische Industrie, Aktiengesellschaft, im Nachbarort wurde schnell von Jungeblut überzeugt, mit dem neuen Unternehmen zusammenzugehen und entging so einem verheerenden Konkurrenzkampf. Am 1. Januar 1902 schlossen sich die Werke:
- Ernst March, Söhne, Charlottenburg,
- Ernst March, Söhne, Zweigniederlassung Muskau (die frühere Kypke-Fabrik),
- Krauschwitzer Tonwarenfabrik, vormals Ludwig Rohrmann AG, und die
- Tonwarenwerke Bettenhausen Dr. Plath, Dr. Staub & Piepmeyer, Kassel-Bettenhausen
zusammen und bildeten die Firma „Vereinigte Tonwarenwerke AG in Charlottenburg“.
Das Grundkapital der Gesellschaft betrug 1.250.000,- Mark. Während die Betriebsleiter in den einzelnen Werken verblieben, wurden im Marchschen Betrieb in Charlottenburg die Hauptverwaltung und die zentrale Verkaufsstelle eingerichtet. Albert March kümmerte sich um den Ausbau der einzelnen Werke und deren Produkte und Jungeblut übernahm die Leitung der Verwaltung.


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Links: Nikolaus B. Jungeblut Ende der 20er Jahre
Mitte: Die Verwaltung der DTS A.G. in Charlottenburg, Berliner Straße 23, von 1905-1934
Rechts: Ausschnitt aus einem Ölbild Anfang der 20er Jahre
(Im Besitz von Robert Jungeblut, New York)


Über die Rohrmannsche Tonwarenfabrik waren Jungeblut und March auch an das Dresdner Bankhaus Gebrüder Arnhold gelangt, das bei Rohrmann als Hausbank gewirkt hatte. Jungeblut, March und der Kommerzienrat Georg Arnhold stellten fest, daß sich ihre Interessen deckten: Nur durch den Zusammenschluß und die gegenseitige Ergänzung mehrerer, relativ kleiner Firmen konnte die produktionstechnische und finanzielle Voraussetzung geschaffen werden, wollte man entscheidende Fortschritte auf dem Gebiet der Produktentwicklung und –vermarktung erzielen.

Jungeblut, der mit der von ihm und Max Kypke auf eigene Rechnung betriebenen Steinzeugröhrenfabrik in Lugknitz die Bestätigung gefunden hatte, daß dieser Sektor der Steinzeugfertigung ebenfalls große Entwicklungsmöglichkeiten bot, war natürlich daran interessiert, eine so große und leistungsfähige Steinzeugrohr-Fabrik wie die mehrheitlich vom Bankhaus Gebrüder Arnold verwaltete "Deutsche Tonröhren- und Chamottefabrik, Münsterberg/ Schlesien" in den bisherigen Zusammenschluß mit einzubeziehen. Damit konnte man das Produktionsprogramm erheblich erweitern. Nach zähem Ringen wurden die zwei Gesellschaften am 15. Juli 1904 zusammengeschlossen und firmierten unter dem neuen Namen „Deutsche Ton- und Steinzeugwerke Aktiengesellschaft“. Das Aktienkapital der Gesellschaft betrug 3.500.200,- Mark.


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Mit Sohn Claus auf dem Balkon Berliner Str. 23


Die Zentrale befand sich anfänglich in der Marchschen Fabrik in der Sophieenstraße 1 in Charlottenburg, eine Zweigniederlassung in Münsterberg; letztere wurde später wieder aufgegeben. Die Direktion bestand aus einem sechsköpfigen Gremium, in dem sich aber Jungeblut und March als die eigentlichen Lenker hervortaten. March wohnte bereits in Charlottenburg, Jungeblut zog mit seiner Familie 1902 dorthin, und alle anderen Vorstandsmitglieder hatten eigens in Berlin Wohnungen angemietet, um längere Zeit hier arbeiten zu können. Neben den beiden Vorständen der bisherigen Münsterberger Fabrik, Oswald Wilke und Hans Zebrowski, gehörten noch Dr. Plath und Kommerzienrat Ludwig Rohrmann zum Vorstand.

1905 zog man in ein neu errichtetes Bürogebäude in der Berliner Straße Nr. 23. Nachdem Oswald Wilke ausgeschieden, Plath 1908 und Rohrmann 1909 gestorben waren; Zebrowski sich wieder der Leitung des Münsterberger Werkes widmete und Albert March 1907 in den Aufsichtsrat der Firma gewechselt war, übernahm Nicolaus Jungeblut 1910 als Generaldirektor die alleinige Leitung der Firma. In den folgenden Jahren gewann er großen Einfluss in allen Bereichen der keramischen Industrie. Internationale Beteiligungen erwarb er u.a. 1910 über die „Deutsch-Englische Quarzschmelze GmbH“ und 1912 durch die als Zweigunternehmen übernommene „German American Stonware Works“ in New Jersey. Obwohl diese Beteiligungen und die internationalen Märkte im 1. Weltkrieg wieder verloren gingen, nahmen die DTS im Zuge der Kriegsproduktion einen lebhaften Aufschwung.


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Links: Mit Kapitän Ahlers 1934 an Bord der „Europa“
Rechts: Karte von Nikolaus B. Jungeblut an seine Tochter Marion


Jungeblut war mit seiner Familie bereits 1912 in die oberste Etage des neuen Bürogebäudes in der Berliner Straße 23 gezogen. Die Wohnung wurde mit allerlei Annehmlichkeiten ausgestattet, wie er sie noch aus Amerika kannte; sie bekam einen Aufzug, fließend Wasser, eine Dusche, Badewanne und ein Wasserklosett und soll bereits über eine mit Sonnenenergie betriebene Warmwasserbereitung auf dem Dach verfügt haben. Er selbst besaß einen großen amerikanischen Wagen mit Chauffeur.

Nach 1918 glückte die Umstellung der DTS auf Friedensproduktion und die Wiederaufnahme der Auslandsbeziehungen. Dabei wird ihm auch seine amerikanische Staatsbürgerschaft, die er bis zu seinem Tode beibehielt, von Vorteil gewesen sein. Jungebluts Kenntnisse von der Weltwirtschaft und dem internationalen Handel und Verkehr veranlaßten ihn, in denjenigen Ländern, die für den deutschen Export nicht in Betracht kamen, Zweigfabriken zu gründen. (in den USA drei Werke, in England und Böhmen je ein Werk). Nach Beendigung der Kriegs- und Inflationsjahre stellte er durch wiederholte Studien in den Vereinigten Staaten die Notwendigkeit intensivster Zusammenarbeit mit bisher feindlichen Ländern fest, den Zwang zum Gedankenaustausch und gegenseitiger Unterstützung. Dies führte zum Kauf der „General Ceramics Co.“ in New Jersey mit drei keramischen Werken in Keasby und Metuchen (New Jersey) durch die Deutsche Ton- und Steinzeugwerke A.G. im Jahr 1927 und zu einer gegenseitigen Befruchtung der verschiedenen technischen Verfahren.


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Links: Zeitungsausschnitte, gesammelt von Gertrud Jungeblut
Rechts: Brief des Reichspräsidenten Hindenburg an Nikolaus B. Jungeblut


Jungeblut bewies stets ausgesprochene technisch-industrielle Begabung, den Blick für das technisch Mögliche und volkswirtschaftlich Ausführbare, außerordentliche Fähigkeiten und besonderes Geschick beim Heranziehen von technischen Mitarbeitern. Charakteristisch für seine Großzügigkeit und seine überragende Bedeutung als Führer der keramischen Industrie ist seine konsequente Preispolitik, denn während die Folge von Trustbildungen gewöhnlich starke Preiserhöhungen sind, hatte Jungeblut es verstanden, die Verkaufspreise verhältnismäßig niedrig zu halten.

1929 feierte Nikolaus Jungeblut seinen 70. Geburtstag. Welchen Stellenwert er sich in der Deutschen Wirtschaft erworben hatte, zeigen die damals in fast jeder größeren Zeitung erschienenen Ehrbekundungen. Im Nachlaß der Familie Jungeblut befindet sich ein gebundenes Buch mit den Glückwunschschreiben zu diesem Ereignis. Nicht weniger als 100 Briefe von namhaften Persönlichkeiten aus der deutschen Wirtschaft sind darin zu lesen. Selbst Reichspräsident Hindenburg ließ es sich nicht nehmen, dem Jubilar persönlich zu schreiben. Im gleichen Jahr verlieh die Deutsche Keramische Gesellschaft (DKG) zur Feier der 10. Wiederkehr ihres Gründungstages am 29. September in Heidelberg die ersten von ihr gestifteten Böttger-Gedenkmünzen für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Keramik an Nikolaus B. Jungeblut und Geheimrat Philipp Rosenthal. Von der Technischen Hochschule in Hannover wurde er mit dem Titel „Dr.-Ing. ehrenhalber“ geehrt.


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Links: Eins der letzten Bilder von Nikolaus B. Jungeblut
Rechts: Nikolaus B. Jungeblut, gemalt von Marei Wetzel-Schubert, 1929


In der Weltwirtschaftskrise geriet das Unternehmen, das sich unter immer stärkerem Einfluß des Bankhauses Gebr. Arnold zu einer Verwaltungs- und Beteiligungsgesellschaft entwickelt hatte, jedoch in erhebliche Schwierigkeiten. Weil sie ihre Kräfte nicht mehr auf ihr ureigenes Aufgabengebiet, die Herstellung und den Vertrieb von Steinzeugartikeln konzentrierte, verlor sie die Linie in ihrer Entwicklung. Die Gewinne aus Beteiligungen machten bereits einen Großteil des Firmengewinns aus. Es erfolgte also eine Vernachlässigung des produktionstechnischen Apparates zugunsten der Beteiligungsbestrebungen der Führung – angesichts der Talente Jungebluts eine nachvollziehbare Entwicklung.

Durch den zunehmenden Einfluß der Familie Cremer – einer rheinischen Steinzeugdynastie – auf die DTS A.G. über den Interessengemeinschaftspartner „Deutsche Seinzeugwarenfabrik, Mannheim-Friedrichsfeld“ zu Beginn der 30er Jahre, kam es schließlich zu einer Neuorientierung der Unternehmenspolitik. Mit der Ausgründung der Beteiligungen begann für die DTS AG ein neuer Entwicklungsabschnitt.

Da der Aufsichtsrat diese Umstellung des gesamten Unternehmens und die Neuorientierung der Verwaltung dem bereits 74jährigen Jungeblut nicht zutraute, wurde er bei der Generalversammlung im Jahre 1934 nicht wiedergewählt und in den verdienten Ruhestand entlassen. Zu diesem Zeitpunkt war er über 30 Jahre im Dienste der DTS AG tätig und hatte maßgeblichen Anteil daran, daß das Unternehmen zu einem der führenden in der europäischen Keramikbranche herangewachsen war.


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Nikolaus B. Jungebluts Grab in Wuppertal/ Barmen 1956


Jungeblut kaufte sich eine Villa am Wannsee, befuhr mit seiner Motorjacht Berliner Gewässer oder unternahm mit seiner Frau Gertrud Reisen durch Europa und nach Amerika. Die politische Entwicklung in Deutschland Mitte der 30er Jahre sah er sehr skeptisch. Ihm als amerikanischem Staatsbürger mit weltoffener Gesinnung und globalem Denken müssen die nationalistischen Bestrebungen der deutschen Machthaber sehr mißfallen haben. Am 6. März 1938 starb er an einer Lungenentzündung, wodurch er auch etwaigen Repressalien durch das Hitlerregime entging. Er wurde in Wuppertal/ Barmen im Familiengrab seines Schwiegersohnes beigesetzt.

(30.09.2008)


Quellen:
Die Geschichte der DTS A.G. von Ferdinand Hoffs.
Nachlaß der Familie Jungeblut (im Besitz Madeleine Mc Lendon)
DTS-Archiv Holger Klein

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